Von bigotten Klugscheissern

Ehrlich gesagt sind mir Menschen, die offen dazu stehen, dass sie keine behinderten Menschen mögen, lieber als die anderen.

„Die anderen?“ fragst du vielleicht.
Ja, genau die. Ich habe Mühe mit Menschen, die vordergründig so tun, als würden sie am liebsten jeden Rollstuhlfahrer oder Mensch mit Trisomie 21 sofort adoptieren. Das sind die Menschen, die sich dann aber aufregen, wenn Behinderte in der Brienzer Rothornbahn vor ihnen einsteigen dürfen.

Menschen, die auf dem Badiparkplatz ihren bekackten SUV so hinter einen Behindertenbus platzieren, dass die BetreuerInnen nicht mal mehr die Rampe ausklappen können.

Das sind jene Menschen, die vor Rührung fast in die Hose machen, wenn sie einen Menschen mit schwerer kognitiver Behinderung sehen, ihm grossherzig ein Käffeli im Café bezahlen, sich total geil dabei fühlen und fünf Minuten später über faule IV-Rentner schimpfen.

Das sind jene Menschen, die andere Menschen als “Autisten” betiteln, weil das Wort grad in aller Munde ist und sie deshalb als total wortgewandt rüberkommen.

Und es sind jene Menschen, bei denen jeder zweite Satz mit “Ich bin ja total für Inklusion, aber…” anfängt, die aber nicht mal wissen, wie man dieses Wort richtig schreibt, geschweige denn lebt.

Das sind Menschen, die Pflegende bemitleiden, dass man/frau mit behinderten Menschen arbeiten „muss. Der Satz „ich könnte das nie“ liegt den meisten auf der Zunge. Damit ist aber nicht etwa Respekt gemeint, sondern Abscheu.

Ich weiss nicht, wie man diese Art von Menschen nennen soll. Sie sind verlogen, bigott, anstrengend und unsensibel. Der ausgelutschte Begriff “Arschloch” triffts wohl am besten. Aber wir wollen hier ja nicht gruusig reden.

Wirklich mühsam und anstrengend ist das Auskommen mit diesen Menschen, die keine Ahnung haben, sich aber als Kapazitäten im Umgang mit Menschen mit einer Behinderung fühlen, weil sie mal eine Reality-TV-Sendung bis zum bitteren Ende geschaut haben oder aber „Rainman“ in der Sammler-Edition besitzen.

Das sind Menschen, die keine Haltung, aber zu allem eine Meinung haben und die Behinderte nicht als gleichwertige Menschen anschauen.

Und? Zu welchen zählst du dich?

Ich bin müde.

Ich bin müde.
Es ist erst anfangs September und ich mag die Wahlkampf-Dreckeleien in Zeitungen und sozialen Medien jetzt schon nicht mehr lesen.

Ich bin müde, überhebliches Triumphieren über gelöschte, peinliche Facebook-Accounts zu lesen. Es ermüdet mich, wenn ich lese, wer wen Scheisse, für rassistisch oder einen Gutmenschen hält. Es interessiert mich ganz einfach nicht.

Ich stelle den Fernseher an und sehe Menschen in Zügen, in Booten oder in Lastwagenwaggons. Ich sehe tote Kinder, tote Männer, tote Frauen.

Ich lese davon, dass unser Land von Flüchtlingen überflutet wird.
Hier, wo ich gerade sitze, sehe ich keinen einzigen.
Ich sehe nur zufriedene, ältere Menschen.

Ich habe Glück, denke ich.
Ich habe einen Job. Einen Mann. Eine Katze. Ein Dach über dem Kopf.
Dann lese ich darüber, dass jeder selbstverantwortlich handeln soll.
Flüchtlinge kann man nicht dem Staat abdelegieren, heisst es.
Ich frage mich, was einen Staat ausmacht.
Sind es nicht die Menschen, die darin leben?

Ich setze mich hin und schreibe meiner Gemeinde.
Biete meine Hilfe an. Möchte wissen, ob und wieviele Flüchtlinge wir aufnehmen werden.

Ich will mir selber ein Bild machen und mich nicht auf
Politiker verlassen, die keine Ahnung von meinem Leben haben.
Ich mag nicht dumm herumsitzen und warten,
bis ich noch müder werde.

Vom Wert der Frauen

Eigentlich dachte ich gestern abend: zu dem Chauvi-Spruch von Ueli Maurer schweigst du. Das ist es nicht wert. Das ist etwas Abstimmungskampf gepaart mit Parteinahme von weiblichen Gefühlen. Da spiel ich nicht mit.

Im Ernst: Ich bin es mich von zuhause gewohnt, solche Sprüche anzuhören. Nicht von ungefähr tat mein lieber Vater mit Bundes-Ueli seinen Dienst bei den Radfahrern. Als kleines Mädchen liebte ich die Geschichten meines Vaters. Sie waren selten politisch korrekt.

Trotz alledem muss ich bemerken, dass mein Vater mich sehr geschlechtsunabhängig erzogen hat. Fluchen hat er mir nie verboten. Er hat mir nie gesagt, welchen Beruf ich wählen sollte. Er hätte wohl kein Problem gehabt, wenn ich ins Militär gegangen wäre. Das hätte ihn vielleicht gar stolz gemacht. Er hat mir niemals gesagt: aber ein Mädchen benimmt sich nicht so. Nein, so etwas war ihm fremd.

Für meinen Vater war und ist es immer nur wichtig, dass ich ein anständiger Mensch bin. Dass ich meine Arbeit gut mache. Dass ich fleissig bin.

Natürlich macht mein Vater hin und wieder wirklich blöde Sprüche über Frauen. Aber ich weiss natürlich, wie sehr er Frauen liebt. Ich weiss, dass er es beruhigend findet, wenn meine Stiefmutter sich um ihn kümmert. Er weiss die weibliche Sanftheit (und auch die sogenannte Weiber-Regierung) sehr wohl zu schätzen. Vielleicht stresst mich deshalb der Maurer-Spruch nicht so sehr. Man kann keine Witze reissen über die Dinge, die man nicht liebt. Im Gegenteil.

Viel mehr hab ich mich dann heute abend über Arbeitgeber-Chef Müller geärgert. Im Gegensatz zum Bundes-Ueli macht der Mann nämlich keine Witze. Nein. Für diesen sinistren Typen im Anzug ist klar, dass Frauen schlechter arbeiten als Männer. So was macht mir Angst. Das, meine lieben Frauen, ist Abwertung eines Geschlechts, nicht das, was ein angeheiterter Konservativer im Festzelt über Haushaltsgeräte erzählt.

Der verdammte Mindestlohn

Wenn ich die Diskussion über den Mindestlohn mitverfolge, muss ich lachen und zwar hart. Gerade jene, die so sehr für den Mindestlohn Stimmung machen, haben nie für wenig Geld arbeiten müssen.

Ich habe vor einigen Jahren in einer 100% Stelle für brutto 1900.- gearbeitet. Manchmal reichte mein Geld gerade noch für M-Budget-Spaghetti ohne Sauce. Wenn ich weniger Geld hatte, ass ich eben gar nichts. Ich habe Wasser aus der Leitung getrunken. Bücher aus der Bibliothek ausgeliehen, weil ich kein eigenes mehr bezahlen konnte. Weil ich kein Geld für den ÖV hatte, bin ich mit meinem Töffli gefahren. Ich erinnere mich gut daran, dass der Winter besonders hart war und ich mehr als einmal Angst hatte, zu erfrieren.

Kleider kaufte ich mir keine neuen. Ich hab die Socken und Löcher jeweils einfach zugenäht. Wenn meine Freunde in den Ausgang gingen, bin ich zuhause geblieben. Manchmal lud mich meine Oma zu einem Kaffee ein. Dann hat sie mir verstohlen ein 10er Nötli zugesteckt und gemeint, ich soll mir gut schauen.

Ich hatte Glück. Ich hatte gute Zähne und war wenig krank.
Ich kriegte Krankenkassenprämien-Verbilligung. Der Ausdruck „Working poor“ traf total auf mich zu. Ich kann von Glück reden, dass ich in jener Zeit keinen Sex hatte, denn ich hätte mir nicht mal Kondome oder die Pille leisten können.
Ich hab mich für meine Armut nicht geschämt. Aber ich hab sie auch nicht akzeptiert.

Warum ich das schreibe?
Es ärgert mich, wenn Menschen über etwas reden, das sie nie erlebt haben. Bei vielen Protagonisten der linken (und auch bei nicht wenigen der rechten) Parteien trifft das leider zu.

Die wirkliche Demütigung folgte kurz später. Ich begann mit meiner zweiten Ausbildung. Die Ausgaben dieser Ausbildung konnte ich nicht von den Steuern abziehen. Ich sah den Grund nicht ein, denn ohne die Ausbildung wäre ich weiterhin arm geblieben. Ich erhob Einspruch gegen meine Steuerveranlagung.

Ich musste mich rechtfertigen vor einem Steuerbeamten, der mich wohl lieber in der Sozialhilfe gesehen hätte. Er faselte etwas von sozialem Aufstieg. Ich könne froh sein, wenn ich meinen Englisch-Kurs von den Steuern abziehen könne und überhaupt, was mir einfalle einfach, Einspruch zu erheben und seine Zeit zu stehlen.

Das war für mich, die ich nie staatliche Hilfe in Anspruch nehmen musste, ein Schlag ins Gesicht.

Anstatt einen Mindestlohn auszuzahlen, ist es doch sinnvoller die steuerliche Belastung für Menschen, die tagtäglich für wenig Geld arbeiten, zu senken. Wenn sie denn eine (neue) Ausbildung machen, sollten sie diese abziehen können. Jemandem vorzuwerfen, dass er sich weiterbildet, ist eine Farce und eine Beleidigung für jeden denkenden Menschen.

Ich werde Nein stimmen.

Übers anonyme Bedrohen und Beleidigen

Gestern war einer jener Tage, an denen ich nur ein Mü’ davon entfernt war, meine Accounts zu löschen und einfach so zu verschwinden.

Ein Phänomen, dem ich immer wieder begegne in letzter Zeit, ist das Beschimpfen und Bedrohen. Man hat mir geraten, Anzeigen bei der Polizei zu machen. Ich denke, es ist eine sinnlose Geschichte.

Während die konservativen Kräfte in der Schweiz die Meinungsfreiheit und ihr Recht auf Diskriminierung anderer hoch halten, ist es im Netz schon längstens Realität. Die Anonymität gibt dir schliesslich immer recht.

Im Rahmen der #mei-Abstimmung, in der ich mich offen zu einem Nein bekannt habe, wurde mir bewusst, wie die Kräfte wirklich spielen.

Nach der Abstimmung bekam ich vereinzelte Tweets, in denen man mir noch mehr oder weniger freundlich die „Ausreise“ aus der Schweiz empfahl. Menschen, die neben ihrem Hass noch ein wenig Stil besassen, wünschten mir einen Koffer, die weniger netten lediglich einen gepackten Rucksack.

Einige Tage später wurden Rückmeldungen etwas heftiger. Eine Reise ins KZ unter die Vergasungsdusche war ein Wunsch an mich, dem ich leider nicht nachkommen konnte. Ein anderer wünschte sich, man würde einer wie mir das Gesicht wegschiessen. Offenbar hatte dieser gerade eine Doku über Verletzungen im Ersten Weltkrieg gesehen und/oder mochte meine Wangenknochen nicht leiden.

Ich bin keine öffentliche Person, trotzdem beschimpft „man“ mich in Mails oder Tweets als „linke, abartige, geistig längst weggetretene Stinkf****“. Vor Weihnachten hat mir einer gewünscht, man möge mich doch bitte schnell vergewaltigen. Den Tweet hat er sehr schnell wieder gelöscht. Man(n) macht ja ganze Arbeit.

Natürlich kann ich jetzt mit all den Mails zur Polizei gehen. Aber ich glaube nicht, dass sich was dran ändert. Es kriegt keiner in diesem Land eine Strafe, weil er anderen was wünscht.

Offenbar sind die diejenigen, die die Meinungsfreiheit so hoch halten, die gleichen, die anonym andere Mitbürger bedrohen. Von wirklicher Männlichkeit zeugt das nicht.

Carte blanche für @sandrastrazzi: 50% – Ja zur Masseneinwanderungsinitiative

Ein Gastbeitrag von @sandrastrazzi

Mein Vater hat sich in den 50er Jahren mit seinem Vater zerstritten. Sie waren sich über den Weg, den die Familie in Zukunft gehen sollte, nicht einig. Als junger Mann, aufgewachsen im Krieg, schlecht gebildet, nichts anderes gewohnt als zu arbeiten, verliess mein Vater sein Land und seine Familie, um im Nachbarland Schweiz Arbeit zu finden. Dort gäbe es genug davon und man werde dafür anständig entlöhnt, so hiess es von Landsleuten. Er würde sich dort mit Fleiss jenes Geld verdienen, mit dem er sich dann im eigenen Heimatland seine Zukunft aufbauen würde. So sein Plan.

Kaum hatte er nach langem Warten seinen Pass erhalten, der ihn als Italiener auswies, ein Papier, das ihm zum ersten Mal in seinem Leben eine Identität verlieh, die über die Grenzen seiner Heimatprovinz hinaus galt, kaum hatte er dieses Dokument in seinen Händen, da zog es ihn weg. Es hat ihn nicht gestört, dass sein Name auf dem Reisepass, der ihm den Weg in seine Zukunft öffnen würde, dass der Name da falsch geschrieben war, wen kümmert das schon. Sie würden ihn halt einfach so nennen, wie es da steht und überhaupt, es würde ja nicht für lange sein.

Nun, es kam anders als gedacht. Die hübsche Verkäuferin im Lebensmittelladen hatte einfach zu schöne Augen und ihr Lächeln liess ihn spüren, dass ihm nicht alle Schweizer mit Misstrauen begegneten. Plötzlich gab es einen Grund, so rasch wie möglich Deutsch zu lernen, sich mit den Sitten dieses fremden Landes etwas genauer bekannt zu machen. 

Die Verbindung der jungen Schweizerin mit dem jungen Italiener brachte den beiden einige Schwierigkeiten ein. Nicht nur aus Sicht der Schweizer, nein, auch die Italiener fanden das problematisch. Nicht die beiden. Sie heirateten und gründeten eine Familie. Die Kinder wurden als Italiener geboren, für die Bestimmung des Heimatlandes war der Pass des Vaters zuständig. Es war meinem Vater nie ein Bedürfnis, den Schweizer Pass zu bekommen. Er war Italiener, basta. Die Staatsbürgerschaft seiner Kinder, das war etwas anderes. Seine Kinder sollten Schweizer sein, das wollte er so sehr, dass er mit ihnen nur Deutsch redete – und dies obwohl seine junge Schweizer Ehefrau der italienischen Sprache durchaus mächtig war. Und sobald es möglich war, wurden seine zwei Söhne und die drei Töchter eingebürgert in das Land, in dem sie geboren wurden, dessen Sprache sie sprachen und dessen Schulen sie besuchten. Und so hat die junge Schweizerin ihrem Land fünf Schweizer geschenkt, gezeugt von einem Italiener zwar, aber hier geboren, eingeschult, ausgebildet, weitergebildet, Mitarbeiter geworden, Steuern bezahlt, Kunden geworden, Arbeitsplätze geschaffen. 

Heute, sechzig Jahre nach der Ankunft des jungen Italieners in der Schweiz, haben 50% der Mitbürger seiner Kinder ihnen klar gemacht, dass es genug ist. Sie haben mit einem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative der Schweizerischen Volkspartei den Kindern dieses jungen Italieners gezeigt, dass ihre Geschichte falsch gelaufen ist. Sie haben deutlich gemacht, dass ihr Vater in ihrer heutigen Heimat wohl als Arbeitskraft willkommen wäre, dass er ihr Land nach getaner Arbeit aber wieder zu verlassen hat.

Nichts mit den schönen Augen der Verkäuferin, die gehören den Schweizern; eine Italienerin soll er sich suchen, in Italien gefälligst. Die soll dann seine italienischen Kinder in einem italienischen Spital gebären. Sie sollen in Italien italienische Schulen besuchen und die italienische Sprache sprechen. Sollen sie doch in Italien auf ihren Vater warten, der in mehr oder weniger unregelmässigen Abständen nach Hause kommt. Sie könnten doch einen Beruf in der Tourismusbranche erlernen und im Sommer Schweizer Touristen bedienen, die ihnen dann erzählen, wie schön es in der Schweiz ist. Wie glücklich sie und ihr Vater sich schätzen können, dass er dort eine Arbeit gefunden hat. Und sie könnten ja mal als Touristen in die Schweiz kommen und sich anschauen, woher die Schwielen an den Händen ihres Vaters kommen: All die schönen Doppelmauerwerkeinfamilienhäuser mit extra dicken Betonwänden für die Zivilschutzkeller, all die prachtvollen Bankgebäude mit Hochsicherheitsbetonwänden.

Für die schöne Verkäuferin gibt es natürlich auch einen Plan: Sie könnte doch einen Schweizer heiraten, am besten einen Bauern. Sie müsste ihm nicht gerade fünf Schweizer Kinder gebären, zwei würden schon reichen. Am besten einen Sohn, der den Bauernhof übernehmen könnte und eine Tochter, die dann einen anderen Bauern heiraten könnte. Oder sonst einen reichen Schweizer, einen Banker zum Beispiel, der in dem schönen Bankgebäude arbeitet, das die Italiener ihm gebaut haben. Mit nur zwei Schweizer Kindern pro Schweizer Familie wären die Schweizer Schulen nicht so überfüllt und auf den Strassen wäre genug Platz, damit die Schweizer Schüler zur gleichen Zeit wie ihre Schweizer Väter unterwegs sein könnten. Das würde auch weniger Unfälle verursachen, ist doch praktisch! 

Tja, liebe Kinder des jungen Italieners und der jungen Schweizerin, Glück habt ihr gehabt mit eurer Geschichte, aber jetzt ist genug! Jetzt läuft alles wieder nach Plan, verstanden?

50 Jahre und ein Stückchen weiser

Eine Carte blanche für Regula Aeppli

In Anlehnung an einen tollen Song

Vor einer Woche wurde ich ein halbes Jahrhundert alt. So ausgedrückt fühlt es sich alt an. Ich fühle mich aber weder jung noch alt, sondern im besten Alter.

Vor ein paar Tagen wurde im TV ein Club ausgestrahlt zum Thema „Ab 50 Jahr – Frau unsichtbar?“ Ich habe die Beschreibung im Vorfeld nicht gelesen und war deshalb enttäuscht, dass bloss über die Chancen auf dem „Partnerschaftsmarkt“ geplaudert wurde. Seit 26 Jahren glücklich verheiratet, ist es mir egal, ob mir die Männer immer noch nachpfeifen oder nicht. Aber „unsichtbar“ fühle ich mich in der Arbeitswelt – bei den Entscheidungsträgern, ob mir als Wiedereinsteigerin eine Chance gegeben werden soll oder nicht. Wer meine Bewerbung in die Hände bekommt, für den bin ich, so muss ich annehmen, „weg vom Fenster, zu alt, zu lange weg vom Beruf, uninteressant“. Meine vielen Qualifikationen, welche ich im Verlauf der Jahrzehnte in der Familie, im Berufsleben, in ehrenamtlichen Tätigkeiten erworben habe, scheinen nicht wirklich zu zählen, denn ich wurde innerhalb meiner 12-jährigen Stellensuche, bloss einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen.

Erfreulicherweise bin ich finanziell nicht auf eine Teilzeitstelle angewiesen. Auch zu meinem Glück fehlt Gott sei Dank nichts. Ich fühle mich rundum wohl und zufrieden in meinem Leben, aber das war nicht immer so.

Es gab dunkle, schwere Zeiten und tief verletzende, zwischenmenschliche Erfahrungen. Doch all das, was ich während 5 Jahrzehnten erlebte, durchlitt und durchkämpfte, lässt mich heute sagen:

Ich glaube nicht mehr alles unvoreingenommen, was mir von Autoritäten in Freikirchen gepredigt wird, sondern habe meinen eigenen Glaubensweg gefunden. Während rund 32 Jahren war ich aktives Mitglied einer Freikirche. Aufgrund vieler schmerzlichen Erfahrungen, gab ich dieses Jahr den Austritt, was alles andere als einfach für mich war und es bis heute nicht ist. Für viele freikirchliche Christen bin ich nun zu liberal im Glauben und zu kritisch. Handkehrum bin ich für Menschen, welche mit dem Christsein nicht viel am Hut haben, zu fromm. Doch ich lasse mich nicht beirren, denn ich bin im Reinen mit Gott und mir. Noch vor ein paar Jahren fand ich nicht den Mut, zu diesem konsequenten, eigenen Weg. Ich stehe klarer zu meiner Meinung und will nicht mehr allen Menschen um jeden Preis gefallen. Es gelingt mir besser, meinen Wert selber zu kennen und zu achten.

Ich sehe vieles im Leben ganzheitlicher, im Kontext, kann besser „Verknüpfungen“ zwischen politischen, persönlichen, weltanschaulichen, religiösen und anderen Themen herstellen.

Ich kann besser Grenzen ziehen („stopp, bis hierher und nicht weiter“), lasse mir nicht mehr soviel gefallen wie noch vor ein paar Jahren, habe aber auch zu einem besseren Umgang mit zwischenmenschlichen Konflikten gefunden.

Ich kenne meine körperlichen, charakterlichen und psychischen Schattenseiten besser. Es gelingt mir zwar nicht jeden Tag, gut damit zu leben, aber viel besser als noch vor einem Jahrzehnt. Ich habe gelernt, auf meinen Körper und meine Psyche zu hören und mir selber das zu gönnen, was ich im Moment brauche, um wieder ins Lot zu kommen. Und ich rechtfertige mich nicht mehr meinen Mitmenschen gegenüber für mein Schlafbedürfnis von mindestens 10 Stunden.

Alle erlebten und durchlittenen Höhen und Tiefen in meinem halben Jahrhundert Leben, haben mich zu dem gemacht, was ich heute bin: eine glückliche, erfüllte Frau, welche mitten im Leben steht. Ich möchte nicht mehr 20 sein und kann für mich sagen: „Ich bin ein Stückchen weiser geworden mit meinen 50ig Jahren.“

Regula Aeppli, Familienmanagerin, Testkundin, Hausabwartin, freie Autorin, Hundesitterin, Mitarbeiterin der ref. Kirche (kein Kirchenmitglied), Chorsängerin, Linedancerin