Sind Narben böse?

Ich habe heute einen Artikel im Tagi online gelesen und mich geärgert. Ist es wirklich so, dass die allgemeine Meinung herrscht, Jungs dürften keine Narben (mehr) haben?

Jungs, die Narben haben, sind also Helden. Weil: Männer kämpfen mit Dinosauriern, Drachen und anderen Untieren und werden dabei verletzt. Das darf man dann auch sehen.

Was ist mit Mädchen?
Dürfen Frauen und Mädchen Narben tragen?

Ist es nicht in der heutigen Zeit eine unsägliche Provokation, am ansonsten perfekten Körper eine wulstige Narbe (oder sogar zwei!) zu haben? Ist eine vernarbte Frau auch eine Heldin? Oder ist sie einfach nur eine Frau, die zu wenig Geld hat, um sich unerwünschte Rückstände auf ihrer Haut wegzumachen?

Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht.
Mir geht diese Diskussion auf die Nerven. Das Leben hinterlässt nun mal Narben. Die einen sind sichtbar, die anderen unsichtbar. Es ist keine Schande, eine verheilte Wunde zu tragen.

 

 

Disclaimer: Die Autorin trägt zwanzig Narben an ihrem Körper und hat kein ästhetisches Problem damit.

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über dicke Frauen, Bänder und Sex

Vor einem Jahr bin ich in den Ferien über eine Schwelle gestürzt und hab mir dabei die Bänder überdehnt. Weil ich nicht wirklich gerne zum Arzt gehe, hab ich einfach meinen Fuss regelmässig gut gelagert und bin zur Tagesordnung übergegangen.

Im Februar knickte ich beim Gehen ein. Ich fiel um und schlug mir die Knie auf. Ausser einem etwas unsicheren Gefühl hatte ich aber keine weiteren Probleme.

Seit Freitag aber tut mir der Fuss bzw. die Bänder weh. Ich hatte Wochenenddienst und konnte dementsprechend nicht einfach einen Gang kürzer schalten. Aber ich wusste: jetzt ist es Zeit, den Fuss mal zu zeigen.

Dies tat ich heute.
Ich hätte es besser bleiben lassen, denn ich erfuhr ein Musterbeispiel an fehlendem Einfühlungsvermögen, mangelnder Vertiefung in meine Krankengeschichte und die Tatsache, dass Ratschläge Schläge sind.

Und das kam so:
Ich habe einen langjährigen Hausarzt, den ich sehr schätze, weil er no nonsense praktiziert. Er kennt meinen Beruf, meine Eigenart und er respektiert mich. Doch weil ich kurzfristig kommen vorbei wollte, untersuchte mich eine Vertretung.

Sie, eine Frau Ende 40, Typ Tennisspielerin, attraktiv, nennen wir sie Frau Q., befragt mich zu meinen Beschwerden. Als ich ihr schildere, dass ich vor einem Jahr gestürzt bin und jetzt erneut Schmerzen habe, scheint für sie der Fall klar.

„Sie sind übergewichtig. All Ihre Beschwerden kommen daher.“

Nun ja, ich bin definitiv nicht dünn, aber Beschwerden habe ich eigentlich selten, ausser eben jetzt jene Schmerzen im Fuss.

Doch Frau Q sieht ganz klar. Zuerst einmal hält sie mir einen langen und ausführlichen Vortrag darüber, dass ich keine Unfallmeldung gemacht habe. Naja, was soll ich sagen? Ich habe nun mal wenig Lust in meinen Ferien zum Arzt zu gehen.

Als nächstes fragt sie mich geradeheraus, ob sie mich zur Ernährungsberaterin schicken soll. Ich reagiere irritiert. Dies entgeht ihr vollkommen. Dann fragt sie mich, welchen Sport ich treibe.

Nun ja. Die Frage ist berechtigt, denn ich im Moment tue ich ausser 100% arbeiten, schreiben und das Haus meiner Oma im Schuss halten nicht mehr viel anderes.

Sie hält mir nun einen sehr langen Vortrag darüber, dass ich mich dazu aufraffen soll. Meine Alltagsplanung und meine Beziehung stellt sie in Frage. Ich soll mich halt öfters abgrenzen. Na ja, da hat sie nicht unrecht. Schliesslich fragt sie mich, ob ich Kinder habe, da sie offenbar annimmt, dass nur mehrere Schwangerschaften mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin: eine, in ihren Augen, Frau mit ruinierter Figur. Ich verneine, was sie mit Genugtuung kommentiert.

„Sehen Sie, da haben Sie ja nicht mal eine Ausrede dafür, dass Sie nicht mehr Sport machen.“

Ich könnte jetzt erwähnen, dass in den letzten Jahren ein grosser Teil meiner Energie für meine Oma drauf gegangen ist, was ich nicht bereue. Ich lasse es. Diese Frau würde das ohnehin nicht verstehen.

Schliesslich fragt sie mich nach meinem Beruf. Ich antworte ihr mit: „in der Pflege“. Dies führt zu einem Monolog übers Thema Rückenprophylaxe.

Ich versuche ihr klar zu machen, dass ich mit einer beidseitigen Hüftdysplasie zur Welt kam. Meine Bänder waren schon in der Kindheit ein Thema. Das hingegen verstört sie nun vollends. Sie meint, das könne ja gar nicht sein. Ich bin kurz davor, meine Hosen runterzulassen, um ihr meine grossen Narben zu zeigen.

Frau Q hingegen erklärt mir nun, es sei nicht möglich, in meinem Alter eine HD zu haben. Sie fragt mich nach der Behandlung. Ich erkläre ihr, dass ich als Kind drei Mal operiert wurde. Das kann sie nur schwer glauben. Ich erkläre ihr, dass ich während mehreren Jahren Metalle in den Beinen hatte. Frau Q meint dann, ich solle dann ja nicht das Gefühl haben, ich könne einfach so meine Füsse operieren und Metalle einsetzen lassen.

Ich bin einigermassen sprachlos.

Ich muss vor sie hin stehen und zeige ihr meinen krummen Rücken. Auch das findet sie furchtbar.

Ich entgegne ihr, dass man mir schon als Kind gesagt hat, ich würde mit 20 im Rollstuhl sitzen und ich eigentlich finde, ich sei gut beisammen. Das findet sie gar nicht.

Schliesslich erklärt sie mir, dass ich jetzt ein Tape für den Fuss sowie Physio kriege. Und sie fängt an, mir Ideen für Sportarten zu liefern.

„Zumba!“, sagt sie, „da läuft tolle Musik. Da können Sie sich richtig toll bewegen.“

„Super“, antworte ich und denke darüber nach, ob ich erwähnen soll, dass ich mehrfach pro Tag einvernehmlichen Geschlechtsverkehr mit einem Mann habe. Ich lasse es. Das würde ihre kleine saubere Welt ruinieren. Schliesslich bin ich ja eine dicke Frau.

Es ist wirklich so, dass ich nicht dünn bin. Zum Glück nicht. Ich liebe meine Formen. Meine Brüste. Meinen zu dicken Hintern. Den Bauch, den find ich nervig. Aber ich bin nun mal eine berufstätige Frau. Bisher waren andere Dinge wichtig. Und ich stelle es in Frage, dass jemand, der nicht einmal meine Krankengeschichte gelesen hat, sich anmasst, mir zu sagen, wie ich zu leben habe. Ich bin selten krank. Bin ich etwa eine faule Frau?

Am Mittag hab ich die Story einer Kollegin erzählt. Auch sie hatte das Glück Pech, von dieser Ärztin behandelt worden zu sein. Und auch meine Kollegin kriegte den gleichen Vortrag zu hören. Nur hat sie Kinder. Schon seltsam, häh?