Wie man sich eine echte Frau bastelt.

Wir Frauen sind die geborenen Opfer.
Wir sind erzogen, uns demütigen, schlagen, beschimpfen und verstossen zu lassen.

In der Schule lernen wir als kleine Mädchen schon, dass frau die Beine übereinander schlägt, immerzu lächelt und nie laut redet. Wir kriegen zu Weihnachten Barbies und rosa Legos, aber keine Spielzeugautos, keine Werkzeuge. Man bringt uns bei, dass wir keine Jungs ansprechen sollen, keine kurzen Röcke tragen und wir nicht zu dick sein sollen, weil wir sonst keinen Mann finden.

Wir lernen Vokabeln und Formeln und Gedichte auswendig. Man schickt uns in die Flötenstunde, in den Klavierunterricht und zum Geige spielen, in der Hoffnung, dass aus uns was wird. Wenigstens gute Mütter sollen wir werden.

Und als gute Mütter bringen wir unseren Töchtern bei, dass sie anständig hinsitzen, lächeln und nie laut reden sollen. Wir sind gute Vorbilder, denn wir sind anständig verheiratet, tragen keine kurzen Röcke und sind nicht zu dick, denn wir wollen unsere Männer behalten.

Doch irgendwo, hinter der perfekten Figur, dem Makeup, dem Lächeln weinen wir und wünschen uns, wir wären wild, weiblich und glücklich.

Selbst ist die Frau

Es ist doch immer wieder lustig, wie unsere ach so moderne Gesellschaft heute noch funktioniert. Wir haben elektrische Backöfen, Elektroautos, Herzschrittmacher und lassen uns künstlich befruchten. Wir leben im 21. Jahrhundert! Alles steht uns offen. Jeder ist frei.

Ist das wirklich so oder nur neoliberales Gequatsche?

Es gibt einen Bereich, der so offensichtlich modern und frei ist wie kein anderer. Beim näheren Nachfragen und Forschen jedoch entpuppt er sich als Ort der Spinnweben, Klischees und falschen Moralvorstellungen: unsere Sexualität.

Nicht wenige meiner männlichen Freunde in meinem Alter sind beispielsweise der Meinung, dass es ihre „Aufgabe“ ist, ihrer Freundin einen Orgasmus zu bereiten. Darüber kann ich nur lächeln.
Wie mühsam ist das denn? Und wie befriedigend ist das wirklich für beide Partner?

Ich erinnere mich dunkel an meinen Aufklärungsunterricht in der Primarschule in einem hinterwälderischen Dorf im Thurgau. Selbstverständlich wurde uns Kindern erklärt, wie Männer sich selber befriedigen. Dass Frauen eine eigene Sexualität haben und sich ebenfalls selber befriedigen können, wurde damals stillschweigend ausgelassen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf! Und so wird es wohl nicht nur da gewesen sein.
Wenn ich mir die Wortwahl meiner Freundinnen anhöre, wenn sie (mal) über ihre Vulva sprechen, fallen Ausdrücke wie „da unten“ en masse. Mein Gott, liebe Frauen. Das „da unten“ hat einen Namen!

Und so frage ich mich (nicht mehr), warum so viele Frauen sexuell frustriert sind, wenn sie die Befriedigung ihrer Lust stillschweigend an den Mann an ihrer Seite (oder wo auch immer) delegieren, so wie sie es mit den Wegbringen der Müllsäcke und dem Schnee schippen tun.

Warum Nähen ein feministisches Statement ist

Wenn ich offen zugebe, als Feministin einem Frauen-Handwerk, ja sogar noch schlimmer: Frauen-Hobby, nachzugehen, werde ich schnell einmal schief angeschaut. Die Blicke in Form von „wie kannst du nur?“ sind unbeschreiblich. Handarbeiten sind offensichtlich unmodern, unfeministisch und ganz und gar zu verachten.

Dass Handarbeiten die motorische Entwicklung von uns Menschen fördern, scheint in Zeiten des Frühchinesisch im Kindergarten, unterzugehen. Schade.

Nähen ist ein zutiefst selbstbewusstes, ja feministisches Statement:
Indem ich dem Stoff eine Form gebe, ein Schnittmuster auflege und ausrechne, wie ich welche Masse ändern muss, damit der Stoff an meinen Hintern passt, und nicht umgekehrt, sage ich ja zu mir selbst.
Beim Nähen sind Konfektionsgrössen Richtlinien, die sich an genormte Werte halten. Kaum eine Frau, ja sogar ein Mensch, passt da rein. Eine jede muss abändern. Mal sind’s ein paar cm an den Hüften zu viel, mal an der Oberweite oder der Taille zu wenig.

Wenn ich nähe, gibt es lediglich gute und schlechte Nähte. Alles andere ist unwichtig.