Vom Pflegenotstand, Ärschen und der Frauenquote

Am Freitagabend hatte ich mal wieder das zweifelhafte Vergnügen, einige wenige Minuten der „Arena“ zu sehen. Leider war „Die Heute-Show“ zu schnell vorbei und ich zu wenig müde, so dass ich auf die Idee kam, auf SRF umzuschalten. Ein Fehler.

Nur so viel: Als Pflegende sollte man sich die „Arena“ zu diesem Thema nicht antun. Die Mehrheit der Anwesenden hat weder von Tuten und Blasen, geschweige denn vom Pflegen, einen blassen Schimmer. Im Gegenteil.

Die Politiker übertrumpfen sich in ihren Formulierungen. Alle klingen plausibel. Alle sind gemessen am Alltag zynisch.

Frau darf sich also anhören, wie toll und angesehen die Branche der Pflegenden (mehrheitlich Frauen) ist. Da werden hehre Ideale in die Höhe gehalten und bis zum grossen Kotzen herum geschwenkt.

Ja. Wir Pflegenden. Wir sind toll.

Deshalb werden wir auch so gut bezahlt. #nicht

Im Ernst: Wenn ich mal in einem Gespräch unter Bekannten auf meinen Beruf angesprochen werde und ich diesen nenne, bekomme ich von allen Seiten zu hören, wie sinnvoll und gut meine Arbeit sei und wie unglaublich glücklich ich sein muss, Menschen zu pflegen. Auf die Bemerkung „gell, deine Arbeit gibt dir schon viel“, entgegne ich eigentlich immer mit: „Ja. Ende Monat kann ich meine Rechnungen bezahlen. Und ja: ich mag meine Klienten sehr.“

Wenn ich dann also in der „Arena“ den werten Herr Nationalrat Bortoluzzi aus dem Kanton Zürich reden höre: „Fürs Hintern putzen muss man nicht an die Universität gehen“, ist eigentlich alles über meinen Beruf gesagt. Eine Ohrfeige oder ein Tritt in die Eierstöcke könnte nicht schmerzhafter sein. Betreuung und Pflege beinhalten wesentlich mehr als die Entsorgung menschlicher Exkremente. Mit solchen Äusserungen begeistert dieser feine Herr (sowie seine wohlmeinenden Meinungsgenossen) bestimmt zukünftige Lernende für einen Beruf, der sehr viel mehr als das ist.

Wer sich wundert, wenn die Schweiz im Ausland teuer ausgebildete Kräfte importieren muss, um den Bedarf zu decken, sollte hinterfragen, welches Bild vom Pflegeberuf er oder sie in der Öffentlichkeit propagiert.

Die Mehrheit der Pflegenden sind Frauen, ebenso die Mehrzahl der freiwilligen Helfenden, der Angehörigen, die demente Menschen pflegen. Wir sind also gekennzeichnet dadurch, dass wir für unsere werte Arbeit an der Gesellschaft, unseren Verwandten, den Menschen, die wir lieben, keine höhere Bildung brauchen. Toll. Was pragmatisch klingen mag, ist einfach nur abwertend und verletzend.

Lieber Herr Bortoluzzi, um Sie irgendwann zu pflegen, der liebe Gott, so er denn existiere, möge Ihre Gesundheit lange erhalten, brauche ich wahrhaft kein Studium. Ich brauche lediglich Kenntnisse in Kinaesthics, um meinen Rücken zu schonen, damit ich kein IV-Fall werde oder eine zweite Kollegin. Und die kommt auch nicht für ein Butterbrot und Gottes Segen zur Arbeit. Männliche Pfleger arbeiten kaum in meiner Branche. Die machen nämlich, um ihre Familien ernähren zu können, höhere Ausbildungen, damit sie eben keine Ärsche mehr putzen müssen und entsprechend entlöhnt werden.

Wohl bekomm’s!

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Warum ich Feministin bin.

Ich mag nicht wegschauen, wenn Menschen anderen Menschen wehtun. Natürlich könnte ich das und es wäre wahrhaft einfacher. Aber: ich bin so nicht erzogen worden.

 

Was mich zu dem macht, was ich geworden bin

Ich wurde in einer Familie von Frauen gross. Meine Urgrossmutter, meine Grossmütter, meine Mutter und meine Stiefmutter waren und sind allesamt Frauen, die viel in ihrem Leben erlebt haben. Meine Urgrossmutter Anna beispielsweise verlor ihre Tochter während der Spanischen Grippe und erkrankte in den 40ern an Brustkrebs. Wie sie daran gestorben ist, möchte ich gar nicht denken.

Meine Grossmutter durfte nicht einmal einen Beruf lernen, sondern arbeitete nach der Schule zuerst in einer Fabrik. Sie hat nie Auto fahren gelernt. Dank ihres Arbeitswillens, mein Grossvater verlor während der Spinnereikrise mehrere Male seine Arbeit, hat sie die Familie über die Runden gebracht.

Meine Mutter war eine leidenschaftliche Hausfrau. Sie hat, gemeinsam mit meinem Vater, in einer Schule gearbeitet. Nach der Scheidung ging sie zurück in den Verkauf. Diese Arbeit hat sie geliebt. Ihr war es ziemlich egal, was andere Leute über sie gesagt haben.

Meine Stiefmutter ist eine Frau, die nicht nur perfekt haushaltet, sondern auch Vereine mit klaren Worten, Engagement und Humor anführt. Für sie hat es nie eine Rolle gespielt, was eine Frau gesellschaftlich darf oder nicht. Sie ist eine Macherin. Das bewundere ich sehr.

 

Vorbilder

All diese Frauen sind mir Vorbilder. Es reicht nicht, einfach zu sagen: heute haben wir Frauen es besser. Jammern bringt’s auch nicht. Es ist bloss Wasser auf die Mühlen all jener Leute, die Frauenthemen eh unnötig finden. Feministin sein bedeutet für mich, mich für Menschenrechte einzusetzen mit dem Wissen, dass Frauen auch Menschen sind.

Ich mag mich für alle jene Frauen einsetzen, die in schwierigen Situationen sind, ganz egal ob sie verheiratet, geschieden, allein erziehend, lesbisch oder Ausländerinnen sind. Einsatz bedeutet für mich Unterstützung, Engagement und nicht einfach leere Worte. Vernetzung ist das, was die Männer uns voraus haben. Wir sollten uns daran ein Beispiel nehmen.

Dämliche Zickenkriege unter uns Frauen reissen tiefere Gräben als es chauvinistische Sprüche je könnten.

Frauenquote. Ein Thema für sich.

Frauenquote ist für mich ein leidliches Thema.
Ich gebe es zu, ich bin ambivalent.
Der Ausdruck „Frauenquote“ ist negativ besetzt und dabei hängt eigentlich eine grosse gesellschaftliche Grundsatzfrage, bei der es sowohl um Mann und Frau, als auch um Familie, Verantwortung und sehr viel Geld geht, an diesem einen Wort.

Zuhause fängt es an!

Ich bin es von zuhause aus nicht gewohnt, dass eine Frau als besonders schützens- oder fördernswerts behandelt wird. Im Gegenteil. Väterlicherseits waren die Frauen als Bäuerinnen tätig und gleichberechtigt in dem Sinne, dass sie im Betrieb voll mitarbeiteten und quasi nebenbei ihre Kinder aufzogen. Für eine Erziehung im eigentlichen Sinn hatten sie nicht sehr viel Zeit. Sie waren jedoch gleichberechtigt als Beteiligte einer Arbeitsgemeinschaft.

Mütterlicherseits waren die Frauen ebenfalls alle berufstätig. Sie arbeiteten in der Industrie oder im Verkauf. Sie hatten zwar Kinder, doch erzogen und betreut wurden diese von den eigenen Eltern. Meiner Grossmutter beispielsweise blieb gar nichts anderes übrig, arbeiten zu gehen, da mein Grossvater im Laufe der Spinnereikrise immer wieder arbeitslos wurde. Dass mein Grossvater einen einfachen Beruf lernte, lag begründet in der Tatsache, dass er mit knapp 20 unternährt und sogenannt „schwächlich“ in den Aktivdienst einbezogen wurde. Meine Grossmutter selber hat gar nie einen Beruf gelernt, sondern musste mit 15 oder 16 in einer Strumpffabrik arbeiten, um das Budget ihrer Familie aufzubessern. Dass sie aus der Fabrik rausgekommen ist, hat sie ihrem Talent und ihrer freundlichen Art zu verdanken.

Meine Eltern waren ebenfalls beide berufstätig. Allerdings hatte ich das Glück, dass mein Vater als Hauswart einer Schule zwar 100% und mehr arbeitete, aber für uns Mädchen immer erreichbar und damit präsent war. Meine Mutter arbeitete bei der Reinigung des Schulhauses mit. Wirklich glücklich wurde sie aber erst, als sie wieder auswärts im Verkauf arbeiten konnte.

Ich habe das Glück, eine Stiefmutter zu haben, die ihr Führungstalent ebenfalls immer und ohne Einwände meines Vaters ausüben konnte. Ich erlebte so von nahem, dass ein Mann stolz auf seine Frau ist, die fähig ist, eine Gruppe zu führen und ein Ziel zu erreichen. Das machte mir Mut.

Und was ist mit mir?
Ich habe also das Glück, in einer Familie aufgewachsen zu sein, wo es ganz normal ist, dass eine Frau einen Beruf lernt und diesen ausübt. Es ist in meiner Familie normal, dass Frauen Führungsverantwortung übernehmen. Allerdings muss ich auch bemerken, dass es bis zu meinen Eltern normal war, dass die Grosseltern die Kinder aufziehen und betreuen. Wenn ich selber Kinder hätte und meinen bisherigen Beruf, in der jetzigen Funktion auch nach einer Schwangerschaft ausüben wollen würde, wäre dies unmöglich. Mein Vater und seine Frau sind zwar 65 und 60, sind aber nicht bereit, Kinder regelmässig zu betreuen. Auch für meinen Freund wäre die Erziehung von Kindern aufgrund der selbständigen Tätigkeit nicht möglich. Mein Arbeitgeber bietet keine Kinderkrippe an und in der Umgebung gibt es auch keine freien Plätze, da sogar eine Krippe geschlossen wurde.

Bei mir selber fängt es an.
Eine Frauenquote, die daher kommt mit „Förderung von Frauen um jeden Preis“ lehne ich ab. Keine Frau hat es nötig, ein „Geschenk“ zu kriegen, das lediglich auf ihr Geschlecht zielt. Eine Frauenquote im Hinblick auf gesellschaftliche Veränderung jedoch macht Sinn. Es braucht ein Umdenken.

Es braucht Frauen, die andere Frauen fördern. Die Förderung fängt damit an, ihr Selbstbewusstsein zu stärken, sie zu unterstützen und auch Grenzen aufzuzeigen. Frauen in Führungspositionen sollen Ausschau nach jüngeren, fähigen Frauen halten. Das birgt natürlich ein gewisses Risiko. Frau muss sich klar positionieren.

Führung und Sozialbereich
Sogar in meinem Arbeitsbereich, wo ein Grossteil weibliches Personal arbeitet, sind die Führungspositionen von Männern besetzt. Das ist meines Erachtens ärgerlich. Denn gerade im Sozialbereich herrscht noch immer ein seltsames Führungsverständnis, das seinesgleichen sucht. Jahrzehntelang waren hier Führung und Macht Tabuthemen. Deshalb herrschte eine gewisse Orientierungslosigkeit, als plötzlich auf Wohngruppen Gruppenleitungen verlangt wurden. In vielen Heimen wurden dann männliche Mitarbeiter, die schon lange Dienst taten, zu Vorgesetzten. Meistens waren das Personen, die sich diese Tätigkeit nicht ausgewählt hatten, diese aber im Sinne der Gemeinschaft ausübten. Das Resultat ist ja klar. Führung, die nicht bewusst und lustvoll ausgeübt wird, verfehlt ihr Ziel und bringt langfristig nur Probleme.

Weibliche Führungskräfte wurden wohl schon immer zwiespältig angesehen. Für gewisse Männer und Frauen ist es einfach nicht logisch, dass ihnen eine Frau sagt, wie der Laden läuft. Allerdings nehme ich die Reaktion auf männliche und weibliche Führungskräfte unterschiedlich wahr. Von Männern erwartet man, dass sie hart und klar sind und sich keine Schwächen erlauben. Von weiblichen Führungskräften erwartet man, dass sie weiblich oder gar mütterlich sind und sich keine Schwächen erlauben. Das klingt auf den ersten Blick logisch. Doch das Problem ist tiefgründiger zu suchen. Frauen, die klar führen, spricht man(n) die Weiblichkeit ab. Diesen Vorwurf haben viele meiner Kolleginnen und auch ich immer wieder zu hören gekriegt. Er ist beleidigend und verletzend.

Nachwuchsförderung fängt bei einem selber an
Ich würde mir wünschen, dass Vorgesetzte bewusst Nachwuchsförderung betreiben. In meinem Fall sieht das so aus, dass ich bewusst meine weiblichen Mitarbeiterinnen fördere und mit ihnen auch immer wieder Führungsthemen anspreche. Ich erreiche damit, dass sie hineinwachsen und es für sie normal wird, Verantwortung zu übernehmen und eine Gruppe anzuführen. Die andere Form der Frauenförderung besteht darin, dass ich „das Risiko eingehe“, alleinerziehende Frauen und Männer zu beschäftigen. Gerade Alleinerziehende stehen unter besonderem Druck, wenn ihr soziales Netz nicht so dicht gewebt ist. Durch diese bewusste Entscheidung unterstütze ich einerseits fähige Mitarbeitende und sorge in einer Vorbildfunktion dafür, dass auch meine Lernenden mitkriegen, dass es normal ist, auch so zu leben. Das Verständnis wird grösser.

Bürokratie vs. private Initiativen

Meine Hoffnung wäre ja eigentlich, dass es keine Frauenquote bräuchte, sondern Frauen einfach so Jobs übernehmen könnten, ohne sich zu hinterfragen, was es für ihre Familien bedeutet. Ich würde mir wünschen, dass private Projekte, (die übrigens schon immer von Frauen aufgezogen wurden) ohne langen Papierkrieg umgesetzt werden könnten. Das professionelle Kinderbetreuungssystem ist nämlich viel zu teuer und krankt aufgrund der Ausnutzung von Frauen (Lernende, Praktikanten, die für einen Hungerlohn arbeiten, usw.). Leider sind die bürokratischen Hürden hoch und in Quartieren ist es praktisch unmöglich, Angebote für Kinder zu starten, weil sich die ach so fitten 60jährigen davon gestört fühlen könnten.

Toleranz kann man weder staatlich erkaufen noch verlangen. Doch ich sehe das folgendermassen: Meine 85jährige Oma kann ich fremd betreuen lassen. Ich kriege Hilfe dafür. Über ein Altersheim beschwert sich keiner. Das ist mit Kinderhorten schon anders. Schade.

Erziehung soll zuhause passieren? Wo bleiben dann die Männer?
Dass sich eine Frau bei der Stellensuche rechtfertigen muss, dass sie Kinder erzogen hat, ist pervers. Dass sie sich heute zumindest bei gewissen Ausbildungen diese Zeit anrechnen lassen kann, ist ein kleiner Entwicklungsschritt. Männern scheint dieser Weg verschlossen, da man von ihnen erwartet, immer voll einsatzfähig und stark zu sein. Sie werden schief angesehen, wenn sie weniger als 100% arbeiten wollen. Low Achiever unzo. Dabei finde ich es gerade für Kinder sehr wichtig, dass sie ihre Väter aus der Nähe erleben. Aus eigener Erfahrung kann ich so sagen, dass man so den eigenen Vater nicht nur als Phantom, sondern als Menschen erlebt.

Warum ich das schreibe?

Ich ärgere mich über (vermeintliche) political correctness, die nicht von Herzen kommt, sondern nur aus Nachplappern von Phrasen passiert. Gerade die Auseinandersetzung mit der Frauenquote ist ein gutes Beispiel dafür.