Vom Wert der Frauen

Eigentlich dachte ich gestern abend: zu dem Chauvi-Spruch von Ueli Maurer schweigst du. Das ist es nicht wert. Das ist etwas Abstimmungskampf gepaart mit Parteinahme von weiblichen Gefühlen. Da spiel ich nicht mit.

Im Ernst: Ich bin es mich von zuhause gewohnt, solche Sprüche anzuhören. Nicht von ungefähr tat mein lieber Vater mit Bundes-Ueli seinen Dienst bei den Radfahrern. Als kleines Mädchen liebte ich die Geschichten meines Vaters. Sie waren selten politisch korrekt.

Trotz alledem muss ich bemerken, dass mein Vater mich sehr geschlechtsunabhängig erzogen hat. Fluchen hat er mir nie verboten. Er hat mir nie gesagt, welchen Beruf ich wählen sollte. Er hätte wohl kein Problem gehabt, wenn ich ins Militär gegangen wäre. Das hätte ihn vielleicht gar stolz gemacht. Er hat mir niemals gesagt: aber ein Mädchen benimmt sich nicht so. Nein, so etwas war ihm fremd.

Für meinen Vater war und ist es immer nur wichtig, dass ich ein anständiger Mensch bin. Dass ich meine Arbeit gut mache. Dass ich fleissig bin.

Natürlich macht mein Vater hin und wieder wirklich blöde Sprüche über Frauen. Aber ich weiss natürlich, wie sehr er Frauen liebt. Ich weiss, dass er es beruhigend findet, wenn meine Stiefmutter sich um ihn kümmert. Er weiss die weibliche Sanftheit (und auch die sogenannte Weiber-Regierung) sehr wohl zu schätzen. Vielleicht stresst mich deshalb der Maurer-Spruch nicht so sehr. Man kann keine Witze reissen über die Dinge, die man nicht liebt. Im Gegenteil.

Viel mehr hab ich mich dann heute abend über Arbeitgeber-Chef Müller geärgert. Im Gegensatz zum Bundes-Ueli macht der Mann nämlich keine Witze. Nein. Für diesen sinistren Typen im Anzug ist klar, dass Frauen schlechter arbeiten als Männer. So was macht mir Angst. Das, meine lieben Frauen, ist Abwertung eines Geschlechts, nicht das, was ein angeheiterter Konservativer im Festzelt über Haushaltsgeräte erzählt.

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Schulhofdenken

Ich war gerade mal dreizehn Jahre alt, als ich in der Sekundarschule H., notabene tiefste thurgauische Provinz, mein Zwischenzeugnis bekam. Die Worte darin werde ich nie vergessen, denn sie haben mich nachhaltig geprägt:

„Z. sollte darauf achten, mit wem sie sich in den Pausen abgibt.“

Diese Bewertung zielte darauf ab, dass ich mich trotz sekundarschulischer Angehörigkeit trotzdem mit Realschülern in der Pause zur traditionellen Runde traf. Mein Klassenlehrer, ein sehr un-verständiger, nicht wirklich toleranter, SVPler, fand es ungut, dass ich mich mit Menschen abgab, die seines Erachtens weniger intelligent waren als ich. Es werfe einen schlechten Schatten auf meine Schulleistungen.

Dass ich mit diesen Jungs fünf Jahre lang die Schulbank gedrückt hatte, Nielen geraucht und sie mir mehr als einmal aus persönlichen Nöten geholfen hatten, spielte nun keine Rolle mehr. Ich sollte mich trennen, weil diese mir ans Herz gewachsenen Menschen offensichtlich nicht gut genug für mich waren.

Es verletzte mich. Ich bin ein loyaler Mensch.
Mein Vater redete mir gut zu.
„Du willst doch nicht dein Weiterkommen behindern? Nur wegen einigen Jungs aus dem Dorf?“
Ich fühlte mich beobachtet. Der Lehrer drehte seine Runden. Seinen Gesichtsausdruck kannte ich. Nicht gut.

So kapselte ich mich ab. Wehrte die Freundschaft jener Menschen ab, die ich mochte. Ich vergrub mich in den Pausen in Bücher. Archäologie. Ägypten. Mumien. So fühlte ich mich.

Meine Zeugnisse wurden nicht besser. Die Berichte über mein soziales Verhalten lesen sich wie eine Satire.

„hat Mühe, sich anzupassen“

„geht zu oft eigene Wege“.

Ja. Das tue ich noch heute.
Ich mag mir von gar niemandem vorschreiben lassen, mit wem ich mich umgebe. Lieber bleibe ich alleine, als mich gegen Menschen zu stellen, die ich mag. Punkt.

Der verdammte Mindestlohn

Wenn ich die Diskussion über den Mindestlohn mitverfolge, muss ich lachen und zwar hart. Gerade jene, die so sehr für den Mindestlohn Stimmung machen, haben nie für wenig Geld arbeiten müssen.

Ich habe vor einigen Jahren in einer 100% Stelle für brutto 1900.- gearbeitet. Manchmal reichte mein Geld gerade noch für M-Budget-Spaghetti ohne Sauce. Wenn ich weniger Geld hatte, ass ich eben gar nichts. Ich habe Wasser aus der Leitung getrunken. Bücher aus der Bibliothek ausgeliehen, weil ich kein eigenes mehr bezahlen konnte. Weil ich kein Geld für den ÖV hatte, bin ich mit meinem Töffli gefahren. Ich erinnere mich gut daran, dass der Winter besonders hart war und ich mehr als einmal Angst hatte, zu erfrieren.

Kleider kaufte ich mir keine neuen. Ich hab die Socken und Löcher jeweils einfach zugenäht. Wenn meine Freunde in den Ausgang gingen, bin ich zuhause geblieben. Manchmal lud mich meine Oma zu einem Kaffee ein. Dann hat sie mir verstohlen ein 10er Nötli zugesteckt und gemeint, ich soll mir gut schauen.

Ich hatte Glück. Ich hatte gute Zähne und war wenig krank.
Ich kriegte Krankenkassenprämien-Verbilligung. Der Ausdruck „Working poor“ traf total auf mich zu. Ich kann von Glück reden, dass ich in jener Zeit keinen Sex hatte, denn ich hätte mir nicht mal Kondome oder die Pille leisten können.
Ich hab mich für meine Armut nicht geschämt. Aber ich hab sie auch nicht akzeptiert.

Warum ich das schreibe?
Es ärgert mich, wenn Menschen über etwas reden, das sie nie erlebt haben. Bei vielen Protagonisten der linken (und auch bei nicht wenigen der rechten) Parteien trifft das leider zu.

Die wirkliche Demütigung folgte kurz später. Ich begann mit meiner zweiten Ausbildung. Die Ausgaben dieser Ausbildung konnte ich nicht von den Steuern abziehen. Ich sah den Grund nicht ein, denn ohne die Ausbildung wäre ich weiterhin arm geblieben. Ich erhob Einspruch gegen meine Steuerveranlagung.

Ich musste mich rechtfertigen vor einem Steuerbeamten, der mich wohl lieber in der Sozialhilfe gesehen hätte. Er faselte etwas von sozialem Aufstieg. Ich könne froh sein, wenn ich meinen Englisch-Kurs von den Steuern abziehen könne und überhaupt, was mir einfalle einfach, Einspruch zu erheben und seine Zeit zu stehlen.

Das war für mich, die ich nie staatliche Hilfe in Anspruch nehmen musste, ein Schlag ins Gesicht.

Anstatt einen Mindestlohn auszuzahlen, ist es doch sinnvoller die steuerliche Belastung für Menschen, die tagtäglich für wenig Geld arbeiten, zu senken. Wenn sie denn eine (neue) Ausbildung machen, sollten sie diese abziehen können. Jemandem vorzuwerfen, dass er sich weiterbildet, ist eine Farce und eine Beleidigung für jeden denkenden Menschen.

Ich werde Nein stimmen.