Keine Ansprache zum 1. August

Die Ansprachen, die heute und morgen überall in der Schweiz gehalten werden, handeln jedes Jahr von den gleichen Themen: Freiheit, Souveränität, Vaterlandsliebe, Stolz, Rückbesinnung auf Werte wie Neutralität, Solidarität und Nächstenliebe.

Meine Rede, die ich nicht halten werde, handelt nicht von diesen Dingen.

Es ist mir nämlich ein wahrer Graus, solche Reden von Leuten zu hören, denen ich sie nicht abnehme. Solche Worte sind so schnell gesagt. Wahlkampf ist immer. Bei einem 1.Augustfeuer, einem Bier in der Hand und einer Bratwurst in der anderen lässt es sich gut patriotisch schwafeln.

Mir steht der Sinn nach Dankbarkeit, dass ich überhaupt in diesem Land geboren bin. Andere haben’s nicht so gut.

Am 1. August denke ich an meine Vorfahren und Vorfahrinnen zurück, die es erst möglich gemacht haben, dass ich heute lebe. Ich denke zurück an meinen Urgrossvater Henri und seine Verlobte Anna, die sich zwischen 1914 und 1918 rührende Liebesbriefe schrieben, während Henri im Dienst war. Wie mag es den beiden Liebenden ergangen sein? Wie gross war die Angst, den anderen zu verlieren oder gar zu sterben?

Ich denke zurück an den zweiten Weltkrieg, wo meine Grossmutter Ida einen grossen Bauernhof alleine führen musste, während mein Grossvater Hermann an der Grenze Dienst tat. Sie waren in dem Alter, in dem ich heute bin. Was für ein furchtbarer Gedanke! Wie hat Ida bloss die Kraft aufgebracht? Was ging in dem Ehepaar vor? Welche Ängste haben sie ausgestanden?

Ich denke zurück, dass mein Grossvater Walter im zweiten Weltkrieg ebenfalls in den Aktivdienst einberufen wurde. Er war unterernährt. Die Daten in seinem Dienstbüchlein lesen sich wie ein medizinisches Drama. Was mag er alles durchgemacht haben?

Trotz alledem feierten wir den 1. August immer wie einen hohen Feiertag. Keiner der Männer hat die Schweiz für verlorene Lebenszeit verantwortlich gemacht. Im Gegenteil. Bei einigen habe ich den Eindruck, dass sie es trotz der Strapazen, trotz der Trennung von ihren Lieben gerne gemacht haben. Sie hatten eine Idee der Schweiz, für die es sich lohnte, sein Leben zu geben. Habe ich das heute auch noch?

Wenn meine Vorfahren wüssten, welche Diskussionen wir heute führen, wären sie entsetzt.

Wenn ich also sage, ich bin stolz auf die Schweiz, so würde ich lügen. Wirklich stolz bin ich auf meine Urgrossväter und Urgrossmütter, meine Grosseltern, die tapfer ihr Leben gelebt und für ihre Ideale hingestanden sind.

Ich hoffe, dass ich das am Ende meines Lebens auch von mir sagen kann.

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