Angelinas Brüste

Ich war heute morgen geschockt, als ich im Newsticker las, dass Angelina Jolie ihre Brüste operativ abnehmen liess.

Jedenfalls hatte ich einige interessante Diskussionen mit Männern, die sich mit mir über diese Sache unterhielten. Mehrere Lager sind auszumachen. Ich gebe diese oberflächlich und leicht überspitzt wieder:

Meinung 1: OMG. Ihre tollen Brüste!! Wie grauenvoll. Wie kann sie nur! Ohne ihre Brüste kriegt sie nie mehr eine Filmrolle.

Meinung 2: Das muss furchtbar sein, zu wissen, dass man Brustkrebs kriegen könnte. Naja, sie hat sechs Kinder. Schon sehr mutig, dieser Entscheid. Und irgendwie verrückt.

Meinung 3: Sie hält sich für ein Vorbild?? Scheiss drauf. Blöde Kuh!

Meinung 4: Ich masse mir kein Urteil an.

Meine Urgrossmutter ist ebenfalls an Brustkrebs gestorben. Dies geschah in einer Zeit, in der die Heilungschancen sehr schlecht waren. Ich wage nicht daran zu denken, wie sehr sie gelitten haben muss. Daher kann ich Angelinas Angst sehr gut nachvollziehen. Ich wüsste nicht, wie ich in ihrer Situation entscheiden würde. Zwar mögen die medizinischen Mittel besser sein als früher, doch in Sachen Brustkrebs scheint ein echter Nachholbedarf zu bestehen. Seltsamerweise.

Die Reaktion gewisser Männer hat mich sauer gemacht. Die Reduktion von Angelina auf ihre Brüste und die Weissagung des Verlusts ihrer Weiblichkeit find ich peinlich. Männer, wenn ihr denkt, eine Frau sei nur eine Frau, wenn sie Brüste hat, habt ihr ein echtes Problem. Wenn ihr denkt, nur weil Angelina sich ihre Brüste amputieren lässt, wir Frauen gleich wie blöde Hühner zum Chirurgen rennen, habt ihr ein falsches Bild von uns. Ihr masst euch an, darüber zu urteilen, was wir mit unseren Körpern tun, wenn es uns ans Lebendige geht. Wir sind mehr als Gebärmaschinen und Sexobjekte.

Ich denke, dass kein Mann ergründen kann, was dieses Damoklesschwert über dem Kopf einer Frau bedeutet. Und umgekehrt ist es doch auch der Fall. Ein Beispiel gefällig?

Mein Vater leidet an Prostatakrebs.

Jahrelang schon dauert die Behandlung. Die Operation allerdings wird erst ab einem gewissen Schweregrad der Erkrankung durchgeführt. Ich habe nur von aussen gesehen, welch psychisches Leid mein Vater erdulden musste. Er hätte alles gegeben, wenn die OP früher durchgeführt worden wäre. Ich kann nur erahnen, wie schlimm es für ihn gewesen sein muss. Die Frage von Männlichkeit stellt sich für einen kranken Menschen nicht mehr. Es geht ums Überleben.

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8 thoughts on “Angelinas Brüste

  1. Hier hat Jolie ihre Entscheidung kundgetan:
    http://www.nytimes.com/2013/05/14/opinion/my-medical-choice.html
    Ich kann die Argumentation gut nachvollziehen. Das Risiko einer Brustkrebserkrankung von fast 90% auf 5% senken, das ist schon etwas!
    Und wenn sie die Sache geheim halten konnte, dann haben die Rekonstruktionschirurgen gute Arbeit geleistet 🙂

    Ich habe mehrere Freundinnen, die ihre Mütter an Brustkrebs verloren haben. Jede von ihnen würde ohne Zögern diese Operation machen, wenn die Ärtz*in sie als nötig erachtete. Nicht für sich selber, sondern damit ihre Kinder nicht so früh ihr Mami verlieren müssen.

    Als alte Emanze gibt es eigentlich nur einen Kommentar: Es ist ihr Körper, es sind ihre Brüste. Die gehören ihr. Sie hat das Recht, damit zu tun, was sie möchte. Es ist ihre Entscheidung.

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  2. Kenne beides. Mutter mit 62 an Brustkrebs gestorben. Vater hatte ebenfalls Prostatakrebs. Den kann man eine gewisse Zeit recht gut mit Medis behandeln und das birgt weniger Risiken, als eine OP. Sch…krebs, so viele Unterschiede in Auswirkungen und Ausbreitung.

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  3. «Lustig» finde ich auch den Kommentar «Oh Gott, dann ist sie als Schauspielerin erledigt!!11».

    Nun ja. Sie hat drei Filme in der Pipeline, einen in der Post-, einen in der Pre-Production und einen angekündigt: Salt 2, wo sie wie im ersten Teil eine CIA-Agentin spielt und nicht zuletzt wegen ihres … Körperbaus engagiert wurde:

    (Eigentlich hätte Tom Cruise die Rolle spielen sollen, er wollte nicht, also haben’s aufs Sexy-Agentin-Catwoman-Klischee umgeschrieben.)

    Und den Oscar für «Girl, Interrupted» und den Haufen andere Preise hatte sie sicher auch nur ihren Brüsten zu verdanken … Herr, wirf Hirn vom Himmel.

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  4. Ich habe noch eine Meinung 4b. Ich finde, es ihr gutes Recht zu tun, was sie will. Es ist das gute Recht jeder Frau, über ihren Körper zu entscheiden. Und jedes Mannes. Und aller Menschen, die weder Frau noch Mann sein können oder wollen.
    Aber: Sobald sie sich medial in Szene setzen, geht uns diese Inszenierung etwas an. Nicht die Entscheidung an sich, sondern die Tatsache, dass hier eine privilegierte, schöne, weiße Frau im Mittelpunkt steht und über eine Entscheidung spricht, die ihr dank intensiver Diagnosen und kostspieligen Operationen möglich war, die den meisten anderen Frauen schlicht nicht zur Verfügung stehen. Die Frage, die sich mir da stellt: Ist sie mit ihrer Offenheit ein mutiges Vorbild, an dem sich andere Frauen orientieren können, oder zeigt sie in der Verminderung eines Erkrankungsrisikos noch einmal viel deutlicher, wie privilegiert sie ist und wie leicht es ihr möglich ist, Aufmerksamkeit und Anteilnahme zu erhalten – und stellt dadurch einen Kontrast zu all den Frauen und Männern her, die einfach nur an Krankheiten leiden und sie weder frühzeitig diagnostizieren noch heilen noch ihr Leiden mit Aufmerksamkeit und Anteilnahme koppeln können?

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    1. Wenn ich Jolies frühere und aktuelle Aussagen, Geld- und Zeitspenden und auch den NYT-Text in Relation setze denke ich nicht, dass es ihr um «persönliche» Aufmerksamkeit ging. Im Text betont sie (negativ), wie teuer die Screenings sind. Ich schätze die Möglichkeit für das Anstoßen-Wollen einer gesundheitspolitischen Kampagne als realistischer ein.

      «It has got to be a priority to ensure that more women can access gene testing and lifesaving preventive treatment, whatever their means and background, wherever they live. The cost of testing for BRCA1 and BRCA2, at more than $3,000 in the United States, remains an obstacle for many women.»

      Ich glaube, wäre es ihr vorwiegend um Publicity gegangen, hätte sie im Vorfeld der Therapie (immerhin schon 3 Monate her) damit angefangen. Gibt genug PR-Leute, die das genüsslich und gekonnt als Image-Kampagne zu ihren Gunsten hätten aufziehen können. Aber wie Zora in ihrem Text schrieb: Irgendwann geht’s nur noch ums Überleben, nicht um Männlichkeit, Weiblichkeit, oder auch noch Profit daraus zu schlagen.

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    2. Ich teile deine Beurteilung über weite Strecken. Ich will nicht sagen, es gehe ihr vorwiegend um Publicity und finde ihr Statement klug. Aber dennoch zeigt ihr Beispiel auch, dass das Verhältnis zum eigenen Körper auch abhängig von Privilegien und Zugang zu Geld ist.

      (Das mit dem Überleben hat Zora aber auf kranke Menschen bezogen. Ich finde, erhöhte Wahrscheinlichkeiten, zu erkranken, sollten wir nicht mit der tatsächlichen Krankheit vermischen.)

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      1. Bei den Privilegien und Zugang zu Therapien gebe ich Dir absolut recht. Ich denke, genau darauf wollte Jolie mit ihrem öffentlichen Statement auch hinaus …

        … und genau deshalb habe Zoras Statement in diesem Fall (Brustkrebs) auch von der bestehenden zitierten Erkrankung (Prostatakrebs) auf die deutlich erhöhte Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung ausgedehnt. Die Therapiemöglichkeiten nach einem der heute üblichen Brustkrebs-Screenings sind eingeschränkt; Brustkrebs metastasiert schnell und breit. Auf Facebook sprach eine Betroffene von anschließenden 9 weiteren Operationen und 8 Zyklen Chemotherapie. Nachdem eine Brust bereits flott entfernt wurde.

        Wie Urs sagte, bei Prostatakrebs sieht die Situation anders aus, das lässt sich auch nach positiver Diagnose monatelang gut mit Medikamenten kontrollieren, Operationen folgen in der Regel – wie Zora erzählte – vergleichsweise spät im Therapieplan. Nicht selten erst nach Jahren, oder gar nie. Es ist ein Unterschied, ob man mit Mitte 30 an Krebs erkrankt oder mit Mitte 60.

        Wenn also ein besserer, leider nicht für alle erschwinglicher Test wie hier geschehen eine knapp 90% Wahrscheinlichkeit auf Brustkrebs ausgibt ist das zumindest emotional mit einer bereits vorhandenen schweren Erkrankung vergleichbar. Ja, man hat noch die Chance, eine von zehn zu sein, bei der es nicht ausbricht. Aber das Risiko, insbesondere als Mutter in den «besten Jahren» mit einer gewissen Verantwortung den Kindern gegenüber, ist aus meiner Sicht im Fall von Brustkrebs bei einem solchen Gentest-Ergebnis «groß genug», dass man hier solche Extrapolationen ziehen darf: Mit einer solchen Krebswahrscheinlichkeit stellt sich die Frage, ob man dann noch eine «echte Frau» ist, nicht wirklich. Es geht dann wirklich nur noch ums Überleben.

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      2. Kürzlich hast du mir ein übertriebenes Interesse an Grundsatzdiskussionen vorgehalten – daher hake ich nach: Frau Jolie hat jedes Recht der Welt, über ihren Körper zu bestimmen. Wie weiblich sie dabei ist, ist für eine echt wirre Frage – Menschen sind so weiblich, wie sie sein wollen oder sich fühlen, das geht uns gar nichts an. Und natürlich ist ihre Entscheidung komplett rational und sicher leidet sie an dieser Prognose.
        Aber du hast das Überleben-Wollen – dass es ihr darum geht, bestreite ich nicht – in den Zusammenhang mit der Inszenierung und den Privilegien gestellt. Und auch da kann man sagen, wie stark sich ein Mensch inszeniert, ist der eigenen Entscheidung überlassen. Und ich will ihr auch keine schlechten Absichten unterstellen, was weiß ich von Angelina Jolies Absichten. Es geht mir nur um die Wirkung: Einerseits klärt sie auf, andererseits führt ihr Beispiel sicher bei vielen Frauen, die an Brustkrebs leiden, zu Frustration, weil ihnen diese Möglichkeiten weder bekannt waren noch für sie verfügbar oder erschwinglich gewesen wären. Mein Punkt: Die mediale Inszenierung ist zweischneidig. (Was aber auch klar ist, dass ein Star wie sie irgendwann darüber sprechen muss, wenn sie die Kontrolle über den Informationsfluss behalten will.)

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