Nur eine tote Frau

Ich bin erschüttert, wenn ich darüber lese, wie Männer ihre Frauen, Söhne und Töchter umbringen. Ich kann es mir nicht vorstellen, wie jemand so etwas tun kann. Mir fehlt jegliches Einfühlungsvermögen und Verständnis. Darüber bin ich froh. Ich könnte niemals einen Beruf ergreifen, wo ich es mit eben jenen Tätern zu tun hätte.

Ich bin eine Frau. Frauen sind häufig Opfer von Gewalttaten.

Ein potentielles Opfer zu sein, ist ein totales Scheissgefühl. Ich bin froh, dass ich in einem Umfeld lebe, wo Männer mit ihren Frauen und Kindern anständig umgehen.

Anders verhält es sich wohl im Umgang mit anderen Kulturen und/oder Männern, die von jeher mit einem schlechten Selbstwertgefühl ausgestattet sind. Diese betrachten Frau und Kind als Besitz. Besitz ist unantastbar. Wenn sich die Frau eines solchen Mannes, aus welchen Gründen auch immer trennen will, betätigt sie eine Zeitbombe. Die Männer rasten früher oder später aus. Sie ballern mit Waffen ihr Liebstes über den Haufen, töten vielleicht sogar noch Menschen aus dem Umfeld oder zerhacken ihre Frau lebendigen Leibes.

Solche Männer machen mir Angst.

Ich bin froh, dass ich in meiner Familie gelernt habe, mich niemals mit einem solchen Menschen einzulassen. Aber ebenso Angst machen mir sogenannte Fachleute, Richter und Anwälte, die die Täter nachher einschätzen und verurteilen müssen. Die Aufgabe scheint gewaltig. Sie (über)fordert den ganzen Mann. Ich bemerke hierbei, dass dies hauptsächlich durch Männer geschieht. Wo bleiben weibliche Richter, Anwälte? Würden diese anders entscheiden?

Fest steht für mich, und das nicht erst seit gestern oder heute: die Opfer bleiben auf der Strecke. Sie wurden nicht nur grausam getötet oder schwer verletzt. Nein. Im Verfahren geht es nur um die Täter. Männer verurteilen Männer wegen Taten an Frauen und Kindern. Wenn ich dann lese, dass so ein Mensch, der sein ehemals liebstes in blutige Stücke hackt, als netter Mensch beurteilt wird und die Strafe „nicht leichtfertig ausgereizt“ werden soll, kommt mir das grosse Kotzen.

Die Frau wurde geliebt. Sie wurde aus den Reihen ihrer Lieben gerissen und zerstört. Sie wird obduziert und begraben. Und damit scheint das Problem gelöst für den Mann.

Ihr gehört alles Mitgefühl. Sie hat ihr Leben gewaltsam verloren. Doch sie existiert in einem solchen Fall nur noch als Summe ihrer abgerissenen Körperteile, als Nummer, als Diagnose oder als Grund für den Ausraster des Mannes.

Wir Schweizer regen uns über fremde, uns bedrohende Mentalitäten auf und bemerken nicht, dass wir selbst gewalttätig sind. Die Opfer haben keine Stimme mehr und die zukünftigen Opfer interessieren keinen, egal ob sie Julie oder Marie oder Semka heissen.

 

siehe auch hier

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