Das Märchen vom schlaflosen König

Es war einmal ein König, der hatte sein halbes Leben Krieg geführt. Sein Körper war voller Narben, die er sich in vielen Kämpfen zugezogen hatte. Doch noch viel schlimmer als die Narben auf der Haut waren jene Verwundungen seiner Seele. Die konnte niemand sehen, denn er war ein sehr starker Mann.

Doch nachts konnte er nicht mehr schlafen. Er litt unter Albträumen. Jede Nacht von neuem ging sein Kampf weiter. Der König war tagsüber grantig. Die Königin war längst ihres Weges gezogen. Doch der König hatte noch eine Tochter. Sie war sein einziges Kind. Jahrelang hatte er sich gegrämt, dass er keinen Sohn hatte. Das hatte er seine Tochter immer spüren lassen.

Seine Tochter war ein tapferes Mädchen. Sie, die Prinzessin, machte sich Sorgen um ihren Vater. Sie hatte sehr wohl bemerkt, wie sehr ihr Vater litt. Niemand am Hofe wusste Rat und konnte ihm helfen. Eines Morgen erwachte sie. Ein Vogel, es war eine Bachstelze, klopfte mit dem Schnabel an ihr Fenster. Die Prinzessin stand auf und öffnete das Fenster.

„Zi-lipp! Zi-lipp! Wenn du dem König helfen willst, verlass das Schloss und mach dich auf die Suche nach dem gelben Haus im grossen Wald! Zi-lipp! Zi-lipp!“
Die Prinzessin blickte den kleinen, grau-schwarzen Vogel überrascht an.
„Danke für deine Hilfe, kleiner Freund!“
Die Bachstelze jedoch klaubte mit dem Schnabel nach einem Käfer auf dem Fensterbrett und flog wieder davon.

Da schlich sich die Prinzessin leise davon.
Sie entkam aus dem Schloss, ohne dass die Wachen sie entdeckten. Der grosse Wald lag dunkel vor ihr. Doch sie hatte keine Angst. Sie war beseelt von dem Wunsch, ihrem Vater, dem König zu helfen.

Nach vielen Stunden erblickte sie das gelbe Haus. Es stand mitten im Wald und leuchtete dennoch. Eine alte Frau trat aus der Türe. Sie hiess das Mädchen willkommen. Die Prinzessin, die noch immer ein edles Kleid trug, das jedoch mittlerweile staubig geworden war, betrat das Haus. In der Küche bot ihr die Frau eine Tasse Tee an.

„Nimm ruhig, Kind. Die Blüten dieses Tees haben mir meine Freunde, die Vögel geschenkt.“
Die Prinzessin nahm einen Schluck. Der Tee schmeckte aussergewöhnlich.
„Was willst du hier, Kind?“, fragte die Frau.
„Ich suche Heilung für meinen Vater. Er kann nicht mehr schlafen.“
Die alte Frau blickte sie wissend an. Sie schloss die Augen und flüsterte:
„Dein Vater ist ein starker Mann. Doch im Schlaf ist auch er ein Mensch wie jeder andere auch.“
Die Prinzessin nickte.
„Du kannst ihm aber helfen. Geh in den Wald und warte. Das erste Tier, das deinen Weg kreuzt, wird dich bei diesem Plan unterstützen.“
Die alte Frau gab der Prinzessin ein neues Kleid. Es war sehr einfach, aber sauber.

So ging die Prinzessin in den Wald. Sie marschierte und langsam wurde es dunkel. Mit einem Mal hörte sie ein sanftes Gurren. Sie ging dem Geräusch nach und stiess auf eine kleine Krähe. Sie schien verlassen. Die Prinzessin ging auf die Knie und nahm den Vogel in ihre Hände.
Die kleine Krähe schien keine Angst zu haben. Gemeinsam kehrten sie zurück zum Haus der alten Frau.

Diese schien nicht erstaunt, dass die Prinzessin eine Krähe gefunden hatte. Sie fütterte den kleinen Vogel mit einigen Würmern.
„Nun, mein Kind, kannst du dich aufmachen zu deinem Vater. Aber ich bitte dich, kehr hierher zurück. Ich versichere dir, dass dein Vater dann wieder vollends gesundet.“
Die Prinzessin versprach ihr das und kehrte mit der Krähe zurück ins Schloss ihres Vaters.

Ihr Vater war erzürnt, dass seine Tochter sein Schloss verlassen hatte. Er drohte ihr, er würde ihr nun einen passenden Gemahl suchen. Die Prinzessin jedoch zeigte der Krähe das Gemach des Vaters. Das Tier suchte sich rasch einen Platz. Sie verabschiedete sich unter Tränen von der Krähe und verliess das Schloss wieder.

Sie kehrte zurück in das gelbe Haus im dunklen Wald. Dort übernahm sie den Platz der alten Frau, die in Wirklichkeit eine verzauberte Hexe war. Durch das Befolgen des Rats der Alten hatte die Prinzessin den Zauber gebrochen und wurde nun zur Besitzerin des Hauses und des Waldes. Die Hexe ging ihres Weges und ward nie mehr gesehen.

Der König aber konnte nun schlafen, denn wie jeder weiss, vertreibt die Krähe jegliche Dämonen, Albträume und schlechte Gedanken. Und so lebten sie alle glücklich bis an ihr Ende.

Wider die Gewalt und die verharmlosende Sprache

Ich möchte nicht, dass jemand mein Kind anfasst, schlägt, es vergewaltigt oder tötet. Wer sowas “unsittliches Berühren” nennt, muss ein Herz aus Stein und nichts im Hirn haben. Das Leben und die Würde eines Menschen sollen unantastbar sein.

Ich möchte nicht, dass jemand meinen Mann oder meine Frau prügelt, vergewaltigt oder foltert. Ich habe Angst davor, dass jemand meinem Liebsten ein solches Leid antun könnte, nur weil jemandem die Nase nicht passt oder er die falsche Hautfarbe hat.

Die Vorstellung, dass jemand meine hochbetagte Oma schlägt, nur weil sie demenzkrank ist und nicht mehr schnell reagiert, ist unerträglich. Kein Mensch hat das Recht, einen alten Menschen zu misshandeln.

Die Vorstellung, dass Menschen einen behinderten Menschen missbrauchen, quälen und vergewaltigen, widert mich an. Doch leider ist es eine Realität.

Ich will nicht, dass jemand meine Tiere aus lauter Lust am Quälen und Misshandeln tötet, ihnen wehtut und dabei auch noch Freude empfindet. Doch Tiere sind in der Schweiz nicht mehr wert als das Fleisch, das man verwerten könnte.

Ich will nicht, dass mir jemand auflauert, mich schlägt, misshandelt, vergewaltigt und tötet, nur weil ihm langweilig ist oder er eine schwere Kindheit hatte.

Das Recht auf Unversehrtheit besteht. Aber in der Realität ist dieses Recht nichts wert. In der Schweiz können Männer nicht vergewaltigt werden und Opfer jeglichen Geschlechts müssen beweisen, dass man ihnen ein Unrecht angetan hat. Juristen hinterfragen dies nicht. Sie tun Dienst nach Vorschrift. Und Journalisten, die Artikel über Gewaltakte verfassen, sind entweder zu faul oder zu dumm, um klare Worte zu finden. Und so wird der Mord an zwei Menschen mit einem Mal zum “Beziehungsdrama”.

Das ist krank.

Das Märchen von der Krähenfrau

Es waren einmal ein Mann und eine Frau. Sie trafen sich inmitten eines grossen Parks, umgeben von hohen, alten Bäumen an einem grossen See. Auf der Halbinsel lebten viele Vögel; Enten, Schwäne, Spatzen und Krähen. Es war Frühling. Sie redeten über dies und das und genossen auf einer Bank die Sicht aufs weite Wasser. Sie unterhielten sich gut und versprachen sich, am nächsten Tag wieder hier her zu kommen. Dies taten sie von nun an jeden Tag. Jeden Abend sassen sie nebeneinander auf der Bank, sprachen über ihr Leben, die Bücher die sie lasen und das Wetter.

Dem Mann fiel auf, wie schön die Frau war. Die Frau sah die warmen Augen des Mannes und war verzaubert von seiner Stimme. Als der Sommer kam, waren der Mann und die Frau umgeben von Badenden. Sie sassen weiterhin auf ihrer Bank. Manchmal berührten sich ihre Hände zaghaft. Am Ende des Sommers gab der Mann der Frau einen Kuss. Die Frau spürte, dass sie den Mann in jenen Monaten immer lieber gewonnen hatte. Sie freute sich jedes Mal, wenn sie ihn sah. Er flüsterte ihr liebe Worte ins Ohr, denn ihre Schönheit und ihre Klugheit gefielen ihm sehr.

Aber eines Tages wartete die Frau vergebens. Der Mann kam nicht mehr an den See. Sie machte sich Sorgen, doch da sie nicht wusste, wo er wohnte und wie sein Nachname war, konnte sie ihn nicht suchen.

Als er auch nach drei weiteren Tagen nicht mehr auftauchte, weinte die Frau bitterlich. Da bemerkte sie neben sich auf der Wiese eine grosse Krähe mit weissen Federn auf der Brust. Die Krähe blickte die Frau freundlich an. Da erzählte die Frau all ihr Leid und ihre Sorgen der Krähe. Auch als die Frau anfing zu weinen, blieb die Krähe.

Von dem Tag an kam die Frau jeden Tag in den Park, um die Krähe zu sehen. Es dauerte keine fünf Minuten, bis das Tier an ihrer Seite Platz nahm und ihr zuhörte. Die Frau brachte der Krähe Brot, Fleischstückchen und Früchte mit. Diese frass die Krähe genüsslich, in sicherem Anstand, von der Frau.

Nach ein paar Wochen gesellte sich auch eine zweite Krähe dazu.

So vergingen der Herbst und der Winter und der Frühling kam wieder.

Die Frau ging jeden Tag in den Park, ganz egal, ob es schneite, stürmte, regnete. Sie kannte bald alle Krähen des Clans. Sie waren zwar nicht zahm, aber sie kamen ihr langsam näher und verloren ihre Scheuheit. Die erste Krähe aber sass neben ihr auf der Bank und blickte sie an.

So vergingen die Jahre. Eines Tages fand die Frau ihre Krähe nicht mehr. Die anderen Krähen sassen auf dem grossen Baum und schwiegen. Da wusste sie, dass sie tot war. Die Frau sammelte die Federn der Krähen auf und begann daraus ein Kleid zu weben.

Die Menschen hielten die Frau für sonderlich. Sie nannten sie die Krähenfrau. Sie sprach immer weniger, bis sie schliesslich ganz verstummte.

Tag für Tag sass die Krähenfrau auf ihrer Bank am See und sprach mit den Kindern ihrer toten Krähe, schliesslich mit den Enkeln und den Urenkeln. Viel Zeit verging. Das Kleid aus Krähenfedern wurde immer dichter.

Eines Abends im September, die Frau blickte auf den See heraus, da traten ein Mann und seine Frau in den Park. Es war jener Mann, den die Frau so sehr herbei gesehnt hatte. Sie waren alle älter geworden. Der Mann hatte also eine andere Frau gefunden. Die Krähenfrau lächelte traurig. Als der Mann und seine Frau an der Bank vorbeikamen, hielten sie inne.
Die Krähenfrau hatte ihr Kleid aus Krähenfedern übergeworfen und blickte auf den See heraus.

Als der Mann und seine Frau sich neben sie setzen wollten, schwang die Krähenfrau ihre Arme und erhob sich vom Boden. Sie breitete ihre Arme, die zu Flügeln geworden waren, aus und flog in Richtung Himmel davon.

Der Mann und seine Frau staunten über die grosse Krähe, die eben noch auf der Bank gesessen hatte. Von dem Tag an hat niemals jemand mehr die Krähenfrau gesehen.

Anna und die kleine Krähe

Am Wochenende machten Anna und Papi immer einen Spaziergang. Papi wusste den Namen jedes Baumes und erkannte die Singvögel an ihrem Gesang. Anna rannte fürs Leben gern über die Felder ums Haus und am Wald entlang.
Als sie unter einigen besonders hohen Bäumen lief, hörte sie ein leises Fiepen und Krächzen. Am Boden lag ein kaputtes Nest und daneben ein kleiner, noch fast federnloser Vogel.
Sie sah sich ihn näher an.

Es war eine junge Krähe. Sie war mitsamt ihrem Nest vom Baum gefallen.
Anna nahm ein Taschentuch aus dem Hosensack. Damit wickelte sie den kleinen Vogel ein und rannte mit ihm schnell zu Papi.
Der war nicht sehr erfreut. «Zuerst müssen wir nachsehen, ob seine Eltern noch irgendwo hier sind. Die haben nämlich nicht so Freude, wenn du einfach ihr Junges anfasst.»
Anna zeigte Papi, wo sie den kleinen Vogel gefunden hatte. Ein paar Meter weiter lag das zerstörte Nest. Anna war den Tränen nahe.
«Aber er stirbt doch. Ich muss für ihn schauen.»
«Du kannst doch nicht jedes Tier, das du findest, mit nach Hause nehmen!»
Anna hielt die kleine Krähe noch immer in der Hand und schaute Papi traurig an.
Papi warf einen Blick auf den Vogel. «Der braucht ganz viel Pflege. Der ist noch klein. Da musst du ganz fest aufpassen.»

Sie gingen nach Hause zu Mami.
Mami hatte Mitleid mit dem kleinen Vogel, und gemeinsam bastelten sie eine Kiste, in welche Anna den Kleinen setzte. Anna überlegte, wie sie dem Vogel Wasser geben konnte; er fiebte nämlich laut und hatte offensichtlich Durst. Zum Selbertrinken war er einfach noch zu klein. Dann fiel ihr ein, dass sie einen Puppenschoppen in ihrem Zimmer hatte. Mit dem Schoppen gab sie der kleinen Krähe Wasser. Jetzt musste sie ihr noch etwas zu essen geben.
Mami brachte ihr ein kleines Stück rohes Fleisch.
«Kleine Krähen haben grossen Hunger. Du kannst ja noch ein paar Würmer für sie suchen.»
Anna fand ein paar Würmer im Garten und brachte sie dem Vogel.
Er schaute Anna mit seinen winzigen Kugelaugen an.
«Du brauchst einen Namen. Du heisst jetzt Fritzi.»

Am Abend hielten Mami und Papi mit Anna einen Familienrat ab.
Sie schauten Anna ernst an.
«Wenn du diesem Tier hilfst zu überleben, trägst du eine grosse Verantwortung. Dann musst du für das Junge sorgen. Du musst früh aufstehen und es füttern, wenn es Hunger hat. Denkst du, dass du das alles kannst?»
Anna nickte. Mami umarmte sie und sagte:
«Ich bin sehr stolz auf dich.»

Anna stand von nun an jeden Morgen früh auf und fütterte Fritzi. Wenn um elf Uhr die Schule fertig war, rannte sie nach Hause, fütterte Fritzi mit frischem Fleisch und gab ihm den Babyschoppen. Fritzi krächzte und krähte, wenn er Anna sah.
Jeden Tag wuchs er mehr. Nach einer Woche war er schon gross und hatte Federn, sodass Papi ihn in die Voliere neben ihrem Haus brachte. Dort hatten früher Opas Hühner gewohnt.
Fritzi hüpfte und flatterte in der Voliere herum – so, als würde er sich über sein neues Zuhause freuen. Papi und Anna brachten ihm noch ein paar Würmer. Sie schauten zu, wie er sie zerlegte und auffrass. Seit Neuestem konnte Fritzi selber trinken und brauchte den Schoppen nicht mehr.

Drei Wochen später bemerkte Anna, dass Fritzi ganz aufgeregt war. Auf den Apfelbäumen beim Haus hatten sich zwei Krähen niedergelassen und krächzten laut. Fritzi krächzte zurück, und die beiden erwachsenen Vögel flatterten wie wild.
Von da an liessen Papi und Anna die Türen der Voliere offen.
«Weisst du», hatte Papi gesagt, «jetzt ist Fritzi alt genug, dass er selber entscheiden kann, wo er wohnen will.»

Den nächsten Nachmittag – es war ein Mittwoch, und Anna musste nicht in die Schule – verbrachte Anna bei ihrem Freund Fritzi. Dieser hüpfte vor der Voliere herum und jagte Fliegen. Er war jetzt schon sehr gross, hatte glänzende schwarze Federn und prächtige Flügel. Als Anna ihn rief, kam er näher und blieb ein paar Schritte entfernt vor ihr stehen.

«Fritzi, ich hab dich so lieb. Aber wenn du jetzt zu deiner Familie gehen willst, darfst du das.»

Fritzi hüpfte ein wenig von Anna weg. Aus dem Apfelbaum erklang ein heiseres Krächzen. Fritzi hüpfte weiter. Dann breitete er seine Flügel aus und rannte, stiess sich ab und flog zum Baum. Auf einem Ast blieb er sitzen und schnatterte und krächzte.

Anna schaute zu, wie sich Fritzis Eltern neben ihr Kind auf den Ast setzten. Dann stand sie auf und sagte: «Ich werde dich nie vergessen, Fritzi.»

Diese Kindergeschichte erschien im Mai 2012 zum ersten Mal in der Reihe “Bettmümpfeli” der Schweizer Familie.

Das tapfere Thurgauer Meiteli

Kaiser Maximilian lag mit seinem Heer in Konstanz. Die Eidgenossen verfassten ein Schreiben an ihn. Ein Mädchen brachte diesen Brief aus dem Thurgau nach Konstanz. Die Männer hassten sich nämlich so sehr, dass weder Schwaben noch Eidgenossen sich getrauten, einen Mann als Boten zu schicken.

Im Hof wartete sie auf Antwort. Ein Soldat fuhr sie barsch an:
„Was treiben die Eidgenossen in ihrem Lager?“
„Auf euren Angriff warten“, antwortete die Thurgauerin unerschrocken.
Der Soldat fragte:
„Wie viele Eidgenossen stehen bereit?“
Die Thurgauerin gab zurück.
„Genug, um euren Angriff abzuwehren.“
Die Soldaten wollten sie dazu bringen, dass sie die genaue Zahl angab.
„Haben sie genug zu essen?“, wollte einer wissen.
„Wie sollten sie denn kämpfen, wenn sie nicht genug zu essen und zu trinken hätten?“ fragte die Thurgauerin zurück.
Einer der Soldaten wollte die Thurgauerin erschrecken.
„Ich will dir für dein freches Reden den Kopf abschlagen!“
Doch sie liess sich nicht einschüchtern. Sie rief:
„Du bist wirklich ein Held! Du willst einem Mädchen den Kopf abschlagen! Wenn du deinen Mut beweisen willst, dann geh ins Lager der Eidgenossen. Dort findest du bestimmt einen, der dir deinen Mut abkauft.“

Da liessen die Soldaten von ihr ab. Die mutige Thurgauerin ging unbehelligt ins Lager der Eidgenossen zurück.

aus dem Thurgauer Sagenschatz

Mauzi faucht

Es windete schon den ganzen Tag. «Juni-Sturm», seufzte Mami. Sie hatte Kopfweh. Anna rannte nach draussen und spielte auf dem Rasen vor dem Haus. Ihr Haus war bestimmt früher ein Schloss gewesen, dachte Anna. Der Rasen ging bis an den Wald, der den Bach säumte. Dort hinunter führte eine alte Holzstiege, auf der sie gerne von Tritt zu Tritt hüpfte. Am liebsten sass sie unter der Trauerweide. Diesen Baum mochte sie sehr, weil der Stamm so rau war und die Rinde die Struktur von Augen hatte. Die Blätter der Weide sahen aus wie Sardinen. Weil die Äste lang und biegsam waren, konnte man wunderbar wie Tarzan daran hin und her schwingen.
Mauzi, ihre liebste Freundin, war ein Katzenweibchen. Sie war weiss-blau gefleckt und hatte eine grosse rosa Nase. Ihre Augen waren gelb wie die eines Panthers. Zusammen fingen sie Schnaken, wachten an Mauslöchern, lagen auf der Wiese herum und blickten in den Himmel, den Vögeln nach.

Mauzi sass neben Anna am Fusse der Weide und blickte sie aufmerksam an. Anna hatte Mauzis hellblaues Futtergeschirr neben sich stehen und fütterte die Katze immer wieder mit Leckerli. Mauzi liess sich das gefallen und schnurrte. Immer wieder drückte sie ihr Köpfchen an Annas Beine. Anna mochte es, wenn die Äste der Weide sich drehten und wandten wie die Arme einer Tänzerin. Sie stand auf und streckte die Zunge raus, um die Kühle des Windes zu spüren.
Der Wind brachte einen verbrannten Geschmack mit sich. Es roch nach Regen und Hochwasser. Bisher hatte Anna es erst einmal erlebt, dass der kleine Bach neben ihrem Haus über seine Ufer getreten war. Er hatte Baumhütte, Sandhaufen und ein Huhn mitgerissen.

Doch dann, mit einem Mal, fauchte Mauzi. Sie blickte das Mädchen mit grossen gelben Augen an und riss das Maul auf. Anna, starr vor Schreck und Überraschung, konnte sich nicht bewegen. Mauzi schlug mit erhobener Pfote und ausgefahrenen Krallen nach ihr. Anna lief weinend weg, rein ins Haus zu Mami.
Drinnen klagte sie, was Mauzi ihr zuleide getan hatte. Mami umarmte Anna und tröstete sie.
«Du hast Mauzi doch nicht etwa geplagt?»
Anna schüttelte den Kopf.
«Mauzi ist vielleicht wegen eines Geräuschs erschrocken.»
Anna weinte noch mehr.
Mami meinte: «Mauzi ist eben eine Katze. Und weil sie dir weh getan hat, kriegt sie heute abend kein Fleisch, sondern nur Trockenfutter.»

In diesem Moment knirschte und toste es draussen vor dem Fenster. Ein Brausen ging durch die Luft. Mit einem lauten Knall brach ein Ast der alten Weide ab und stürzte genau dort zu Boden, wo Anna und Mauzi noch vor wenigen Minuten zusammen gespielt hatten.
Mami wurde bleich. Annas Weinen erhob sich zum Schrei: «Mauzi!!!»
Nach ein paar Minuten wagten sich Mutter und Tochter vor das Haus und erblickten die Zerstörung. In dem Moment huschte Mauzi an ihnen um die Ecke. Anna rannte zu ihr hin und nahm sie auf den Arm. Mauzi blickte Anna mit grossen Augen an. Sie berührte Anna, Nase an Nase, und schnurrte. Jetzt weinte Mami. Sie nahm Anna die Katze ab und wiegte sie in ihren Armen. «Danke», seufzte sie. «Jetzt kriegst du was feines zu fressen.»

Dieser Text erschien 2011 zum ersten Mal auf der Bettmümpfeli-Seite der Schweizer Familie.

Die Buchenfrau

Es war einmal ein kleines Dorf. Dieses lag am Rand eines riesigen Waldes. Die Menschen dort waren nicht sehr reich, aber sie hatten immer genug zu essen. Eines Tages aber konnten sie nicht mehr jagen gehen, denn kein einziges Reh war mehr da. Auch gab es keine Wildschweine mehr. Auf den Feldern der Menschen wuchs kein einziges Korn mehr. Doch das Schlimmste war; die Frauen konnten keine Kinder mehr kriegen. Da wurden die Menschen sehr wütend. Da sie sich nicht erklären konnten, woran das lag, erinnerten sie sich, dass im Wald die Buchenfrau lebte. In ihrer Not gaben sie ihr die Schuld.

Die Bauern überlegten sich lange, wie sie das Zauberwesen aus dem Wald holen konnten. Aber weil sie so Angst hatten, fiel ihnen nichts Gescheites ein.
Im Dorf aber hatte ein Zirkus halt gemacht und sie fragten den stärksten Mann, ob nicht er die Buchenfrau an den Haaren aus dem Wald schleifen konnte. Der starke Mann sagte natürlich ja. Denn schliesslich war er stärker als alle Leute im Dorf und erst recht alle Frauen zusammen. Er stapfte in den Wald und rief nach ihr.

Die Bauern warteten zitternd vor dem Wald. Doch der starke Mann kam nicht mehr heraus. Erst nach einer Woche rannte er weinend und ganz schwach aus dem Wald. Die Bauern jagten ihn wütend davon.

Nach ein paar Tagen versuchte ein Jäger sein Glück. Er war fest überzeugt, dass er mit seinem Gewehr der Buchenfrau den Garaus bereiten könnte. Doch auch er hatte kein Glück.

Im Dorf wohnte ein junger Anwalt namens Michael. Als er sah, wie es seinen Nachbarn immer schlechter ging, fasste er sich ein Herz und machte sich auf den Weg, um mit der Buchenfrau zu sprechen.
Michael machte sich am selben Tag auf, um sich durch den Buchenwald zu kämpfen. Er wanderte einen Tag und eine Nacht, ohne an den Rand des Waldes zu kommen. Verzweifelt setzte er sich irgendwann auf den Boden, denn er hatte Hunger und Durst.
Da er hörte er hinter sich die feine Stimme einer Frau. Er drehte sich um und staunte nicht schlecht. Sie besass langes rostbraunes Haar und auf ihrem ganzen Körper klebten Buchenblätter.

„Wer bist du?“ fragte sie.
„Ich bin Michael. Und wie ist dein Name?“
Sie lächelte sanft.
„Ich bin die Buchenfrau.“

In jenem Moment verliebte er sich in die Buchenfrau, denn sie war wunderschön. Er setzte sich neben sie und sie redeten miteinander viele Stunden lang. Sie schenkte ihm Wasser ein und gab ihm etwas zu essen. Er vergass die Zeit.

Er nahm sich schliesslich all seinen Mut zusammen und fragte sie, ob sie ihn heiraten würde. Die Buchenfrau blickte ihn an und nickte.

Als er mit der Buchenfrau ins Dorf zurück kehrte, war die Verwunderung gross. Die Menschen hatten die Buchenfrau noch nie aus der Nähe gesehen und waren erstaunt über ihre Schönheit und ihre Lebenskraft. Alles, was sie im Vorbeigehen berührte, begann zu blühen. Das Land erholte sich wieder. Die Frauen wurden wieder schwanger. Die Felder trugen wieder Früchte.

Er nahm die Buchenfrau an der Hand und führte sie in sein Haus, um sie seiner Mutter vorzustellen. Diese rümpfte die Nase, als sie die Blätter bemerkte, die immerzu von der Buchenfrau abfielen. Als die Mutter aber bemerkte, wie glücklich ihr Sohn aussah, wenn er die seltsame Frau mit dem rostroten Haar anschaute, hiess sie sie willkommen.

Ein paar Tage später gaben sich Michael und die Buchenfrau das Ja-Wort. Die Kirche war voller Dorfbewohner, die sich nicht an der Schönheit der Buchenfrau satt sehen konnten.

Von jenem Tag an hatte Michael jede Menge Arbeit, denn die Dorfbewohner kamen nun bei jedem Problem zu ihm. Der eine beschwerte sich über zu nahe gesetzte Bäume am Acker, der zweite wollte einen Rat in Sachen Wassergraben. Der dritte regte sich darüber auf, dass ihm sein Nachbar eine kranke Kuh verkauft hatte. Michael vermittelte und gab Ratschläge. Die Dorfbewohner belohnten ihn mit Geld und Lebensmitteln. Er wurde jeden Tag reicher.

Doch mit seinem Reichtum wuchs auch das Gift der Streitigkeiten in ihm heran. Freute er sich anfangs noch, wenn er seine Frau in der Küche sah, regte er sich plötzlich über ihr fallendes Laub und Krabbeltiere auf. Wenn sie für ihn Bucheckern kochte, schmeckte es ihm nicht mehr. Die Buchenfrau bereitete Blätter und Äste zu wunderbaren Festmählern zu. Doch Michael hatte keine Freude mehr daran.

Eines Tages kam er nach Hause und fand seine Frau inmitten eines grossen Laubhaufens. Die Blätter waren von ihr abgefallen und sie sah sehr krank aus. Er bemerkte eine harzige Narbe an ihrem Körper.
Sie hatte sich das Herz für ihn herausgeschnitten, um es für ihn zu kochen. Er schämte sich.

Er nahm seine Frau auf die Arme und ging zurück in den grossen Buchenwald. Er legte sie vor ihren Baum und sah zu, wie sie wieder ein Teil des Waldes wurde. Er blieb viele Stunden vor dem Baum sitzen und weinte. Die Dorfbewohner kamen zu ihm und versuchten, ihn umzustimmen, damit er wieder ins Dorf zurückkäme. Doch Michael blieb vor dem Baum sitzen. Unverrichteter Dinge kehrten die Menschen wieder zurück ins Dorf.

Als sie am nächsten Tag wieder zur Buche gingen, war Michael verschwunden. Ein kleines Kind entdeckte jedoch einen goldenen Ring, der fest mit dem Baum verwachsen war. Die Buche hatte ihn so sehr umarmt, dass er eins mit ihr und der Buchenfrau wurde.

Die Menschen kehrten traurig und ehrfürchtig zurück in ihr Dorf. Michael vergassen sie nie. Es wird berichtet, dass die Menschen sich von jenem Tage an immer rücksichtsvoll gegenüber der Natur verhielten.