Anna und die kleine Krähe

Am Wochenende machten Anna und Papi immer einen Spaziergang. Papi wusste den Namen jedes Baumes und erkannte die Singvögel an ihrem Gesang. Anna rannte fürs Leben gern über die Felder ums Haus und am Wald entlang.
Als sie unter einigen besonders hohen Bäumen lief, hörte sie ein leises Fiepen und Krächzen. Am Boden lag ein kaputtes Nest und daneben ein kleiner, noch fast federnloser Vogel.
Sie sah sich ihn näher an.

Es war eine junge Krähe. Sie war mitsamt ihrem Nest vom Baum gefallen.
Anna nahm ein Taschentuch aus dem Hosensack. Damit wickelte sie den kleinen Vogel ein und rannte mit ihm schnell zu Papi.
Der war nicht sehr erfreut. «Zuerst müssen wir nachsehen, ob seine Eltern noch irgendwo hier sind. Die haben nämlich nicht so Freude, wenn du einfach ihr Junges anfasst.»
Anna zeigte Papi, wo sie den kleinen Vogel gefunden hatte. Ein paar Meter weiter lag das zerstörte Nest. Anna war den Tränen nahe.
«Aber er stirbt doch. Ich muss für ihn schauen.»
«Du kannst doch nicht jedes Tier, das du findest, mit nach Hause nehmen!»
Anna hielt die kleine Krähe noch immer in der Hand und schaute Papi traurig an.
Papi warf einen Blick auf den Vogel. «Der braucht ganz viel Pflege. Der ist noch klein. Da musst du ganz fest aufpassen.»

Sie gingen nach Hause zu Mami.
Mami hatte Mitleid mit dem kleinen Vogel, und gemeinsam bastelten sie eine Kiste, in welche Anna den Kleinen setzte. Anna überlegte, wie sie dem Vogel Wasser geben konnte; er fiebte nämlich laut und hatte offensichtlich Durst. Zum Selbertrinken war er einfach noch zu klein. Dann fiel ihr ein, dass sie einen Puppenschoppen in ihrem Zimmer hatte. Mit dem Schoppen gab sie der kleinen Krähe Wasser. Jetzt musste sie ihr noch etwas zu essen geben.
Mami brachte ihr ein kleines Stück rohes Fleisch.
«Kleine Krähen haben grossen Hunger. Du kannst ja noch ein paar Würmer für sie suchen.»
Anna fand ein paar Würmer im Garten und brachte sie dem Vogel.
Er schaute Anna mit seinen winzigen Kugelaugen an.
«Du brauchst einen Namen. Du heisst jetzt Fritzi.»

Am Abend hielten Mami und Papi mit Anna einen Familienrat ab.
Sie schauten Anna ernst an.
«Wenn du diesem Tier hilfst zu überleben, trägst du eine grosse Verantwortung. Dann musst du für das Junge sorgen. Du musst früh aufstehen und es füttern, wenn es Hunger hat. Denkst du, dass du das alles kannst?»
Anna nickte. Mami umarmte sie und sagte:
«Ich bin sehr stolz auf dich.»

Anna stand von nun an jeden Morgen früh auf und fütterte Fritzi. Wenn um elf Uhr die Schule fertig war, rannte sie nach Hause, fütterte Fritzi mit frischem Fleisch und gab ihm den Babyschoppen. Fritzi krächzte und krähte, wenn er Anna sah.
Jeden Tag wuchs er mehr. Nach einer Woche war er schon gross und hatte Federn, sodass Papi ihn in die Voliere neben ihrem Haus brachte. Dort hatten früher Opas Hühner gewohnt.
Fritzi hüpfte und flatterte in der Voliere herum – so, als würde er sich über sein neues Zuhause freuen. Papi und Anna brachten ihm noch ein paar Würmer. Sie schauten zu, wie er sie zerlegte und auffrass. Seit Neuestem konnte Fritzi selber trinken und brauchte den Schoppen nicht mehr.

Drei Wochen später bemerkte Anna, dass Fritzi ganz aufgeregt war. Auf den Apfelbäumen beim Haus hatten sich zwei Krähen niedergelassen und krächzten laut. Fritzi krächzte zurück, und die beiden erwachsenen Vögel flatterten wie wild.
Von da an liessen Papi und Anna die Türen der Voliere offen.
«Weisst du», hatte Papi gesagt, «jetzt ist Fritzi alt genug, dass er selber entscheiden kann, wo er wohnen will.»

Den nächsten Nachmittag – es war ein Mittwoch, und Anna musste nicht in die Schule – verbrachte Anna bei ihrem Freund Fritzi. Dieser hüpfte vor der Voliere herum und jagte Fliegen. Er war jetzt schon sehr gross, hatte glänzende schwarze Federn und prächtige Flügel. Als Anna ihn rief, kam er näher und blieb ein paar Schritte entfernt vor ihr stehen.

«Fritzi, ich hab dich so lieb. Aber wenn du jetzt zu deiner Familie gehen willst, darfst du das.»

Fritzi hüpfte ein wenig von Anna weg. Aus dem Apfelbaum erklang ein heiseres Krächzen. Fritzi hüpfte weiter. Dann breitete er seine Flügel aus und rannte, stiess sich ab und flog zum Baum. Auf einem Ast blieb er sitzen und schnatterte und krächzte.

Anna schaute zu, wie sich Fritzis Eltern neben ihr Kind auf den Ast setzten. Dann stand sie auf und sagte: «Ich werde dich nie vergessen, Fritzi.»

Diese Kindergeschichte erschien im Mai 2012 zum ersten Mal in der Reihe “Bettmümpfeli” der Schweizer Familie.

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