Danke Mami.

Ich wurde in den 80ern in einem kleinen thurgauischen Dörfchen gross.  Meine Mutter hatte eben erst meine Schwester geboren und kurz davor meinen kleinen Bruder verloren. Unser Leben war seltsam ernsthaft. Ich war von Anfang an ein grosses Kind. Ich nehme an, das habe ich von meinem Vater, der ebenfalls gross gewachsen ist, habe. Ich war dünn. Sehr dünn. Ich kann mich dunkel erinnern, dass ich mit 7 zum ersten Mal gehört habe, dass jemand mich magersüchtig genannt hat. Magersüchtig. Seltsames Wort.

Ich bewundere meine Mutter noch heute, wie sie damit umgegangen ist. Sie hat sich nämlich nicht beirren lassen. 1985 gab es keine Ärzte und Psychologen in den Schulen, die Eltern mitgeteilt hätten, was falsch lief. Das Thema „Geschwistertod“ war grad überhaupt keines.

Ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie keinen allzu grossen Druck aufgesetzt haben. Dass ich als Kind kein Fleisch mehr ass, weil ich fasrige Fleischfetzen nicht zerbeissen, geschweige denn herunterschlucken konnte, ohne zu würgen, haben sie zwar nur schwer verstanden. Sie haben mich nie gezwungen zuzunehmen. Die Ernährung war nie grossartiges Hauptthema in unserer Familie. Natürlich hat meine Mutter wiederholt auf die Vorzüge gesunden Essens (Gemüse!!) aufmerksam gemacht. Ihre Loblieder auf Broccoli, Blumenkohl und Tomaten hallen bis heute nach.

Ich kam in die Pubertät und nahm (endlich) zu. Aber auch das war nie ein Thema für sie, mich zurecht zuweisen oder gar zu demütigen. Meine Mutter, selber eine gut gebaute Frau, nicht dick, aber mit Polster an den „richtigen Stellen“, wie sie es immer nannte, meinte lakonisch: jetzt wirst du eine Frau.

Sie hatte recht. Manchmal staune ich darüber, wie andere Mütter mit ihren Kindern umgehen. Das Gemäkel über Körperfett und Kalorien empfinde ich als mühsam und lebensfeindlich. Vielleicht liegt es daran, dass ich aus zwei Familien entstamme, deren Mitglieder im zweiten Weltkrieg fast verhungert wären? Keiner stört sich am Körper eines anderen. Im Gegenteil. Als Angehörige habe ich zwei Menschen an den Krebs verloren. Deren langsames Abmagern und Verhungern mag wie ein Warnlicht gewesen sein für mich:

Geniesse dein Leben. Lebe und liebe jetzt. Morgen bist du tot.

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2 thoughts on “Danke Mami.

  1. Du hast so recht. Nichts macht mich trauriger, als wenn meine 4jährige Nichte findet, sie sei zu dick, weil sie hört wie ihre Mutter über sich redet oder weil die Barbie ja so viel schöner sei.
    Wie können Menschen, die sich nicht mal selbst lieben oder akzeptieren einigermassen eine erfolgreiche Beziehung führen, wo sie sich wertgeschätzt und sicher fühlen.
    Ich hoffe ich kann meinen Nichten zeigen wie toll sie sind, für das was sie sind, und nicht für das was sie meinen für die Gesellschaft sein zu müssen.

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