Mauzi faucht

Es windete schon den ganzen Tag. «Juni-Sturm», seufzte Mami. Sie hatte Kopfweh. Anna rannte nach draussen und spielte auf dem Rasen vor dem Haus. Ihr Haus war bestimmt früher ein Schloss gewesen, dachte Anna. Der Rasen ging bis an den Wald, der den Bach säumte. Dort hinunter führte eine alte Holzstiege, auf der sie gerne von Tritt zu Tritt hüpfte. Am liebsten sass sie unter der Trauerweide. Diesen Baum mochte sie sehr, weil der Stamm so rau war und die Rinde die Struktur von Augen hatte. Die Blätter der Weide sahen aus wie Sardinen. Weil die Äste lang und biegsam waren, konnte man wunderbar wie Tarzan daran hin und her schwingen.
Mauzi, ihre liebste Freundin, war ein Katzenweibchen. Sie war weiss-blau gefleckt und hatte eine grosse rosa Nase. Ihre Augen waren gelb wie die eines Panthers. Zusammen fingen sie Schnaken, wachten an Mauslöchern, lagen auf der Wiese herum und blickten in den Himmel, den Vögeln nach.

Mauzi sass neben Anna am Fusse der Weide und blickte sie aufmerksam an. Anna hatte Mauzis hellblaues Futtergeschirr neben sich stehen und fütterte die Katze immer wieder mit Leckerli. Mauzi liess sich das gefallen und schnurrte. Immer wieder drückte sie ihr Köpfchen an Annas Beine. Anna mochte es, wenn die Äste der Weide sich drehten und wandten wie die Arme einer Tänzerin. Sie stand auf und streckte die Zunge raus, um die Kühle des Windes zu spüren.
Der Wind brachte einen verbrannten Geschmack mit sich. Es roch nach Regen und Hochwasser. Bisher hatte Anna es erst einmal erlebt, dass der kleine Bach neben ihrem Haus über seine Ufer getreten war. Er hatte Baumhütte, Sandhaufen und ein Huhn mitgerissen.

Doch dann, mit einem Mal, fauchte Mauzi. Sie blickte das Mädchen mit grossen gelben Augen an und riss das Maul auf. Anna, starr vor Schreck und Überraschung, konnte sich nicht bewegen. Mauzi schlug mit erhobener Pfote und ausgefahrenen Krallen nach ihr. Anna lief weinend weg, rein ins Haus zu Mami.
Drinnen klagte sie, was Mauzi ihr zuleide getan hatte. Mami umarmte Anna und tröstete sie.
«Du hast Mauzi doch nicht etwa geplagt?»
Anna schüttelte den Kopf.
«Mauzi ist vielleicht wegen eines Geräuschs erschrocken.»
Anna weinte noch mehr.
Mami meinte: «Mauzi ist eben eine Katze. Und weil sie dir weh getan hat, kriegt sie heute abend kein Fleisch, sondern nur Trockenfutter.»

In diesem Moment knirschte und toste es draussen vor dem Fenster. Ein Brausen ging durch die Luft. Mit einem lauten Knall brach ein Ast der alten Weide ab und stürzte genau dort zu Boden, wo Anna und Mauzi noch vor wenigen Minuten zusammen gespielt hatten.
Mami wurde bleich. Annas Weinen erhob sich zum Schrei: «Mauzi!!!»
Nach ein paar Minuten wagten sich Mutter und Tochter vor das Haus und erblickten die Zerstörung. In dem Moment huschte Mauzi an ihnen um die Ecke. Anna rannte zu ihr hin und nahm sie auf den Arm. Mauzi blickte Anna mit grossen Augen an. Sie berührte Anna, Nase an Nase, und schnurrte. Jetzt weinte Mami. Sie nahm Anna die Katze ab und wiegte sie in ihren Armen. «Danke», seufzte sie. «Jetzt kriegst du was feines zu fressen.»

Dieser Text erschien 2011 zum ersten Mal auf der Bettmümpfeli-Seite der Schweizer Familie.

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