Sprache und Feminismus

Gestolpert bin ich heute über einen Artikel von Barbara Marti , der eine Aktion von französischen Frauen beschreibt, die im „Le Nouvel Observateur“ darüber sprechen, dass sie vergewaltigt wurden.

Auf den ersten Blick scheint der Artikel harmlos. 313 Frauen bekennen sich dazu, vergewaltigt worden zu sein. Natürlich erinnere mich an den Stern-Titel von vor 40 Jahren. „374 Frauen bekennen sich dazu: ich habe abgetrieben!“. Das war ein Skandal damals. Abtreibung war illegal. Und diese Frauen meldeten sich zu Wort und sprachen darüber. Ein Meilenstein des Feminismus.

Doch hier, bei der Aktion in Frankreich bleibt ein schaler Nachgeschmack. Frauen “bekennen” sich also zu ihrer Vergewaltigung. Müssten sich nicht die Täter dazu bekennen, Frauen vergewaltigt zu haben?

Natürlich weiss ich, dass ein „Bekenntnis“ auch die repräsentative, offene Äusserung, eine Öffentlichmachung bedeutet. Aber klingen tut es nach Schuldbekenntnis. Und fragwürdig ist auch die Haltung dahinter: Die vergewaltigten Frauen nehmen mit ihrer Öffentlichkeitmachung also in Kauf, dass sie benachteiligt und stigmatisiert werden. In gewissen Kulturkreisen würden sie deswegen gesteinigt. Mit einem Bekenntnis setzen sie sich demnach Schande aus. Sie werden geächtet. Und das kann ja wohl nach einer Straftat nicht sein!

Diskriminierung fängt bei der Sprache an. Wir haben Wörter, die weibliche und männliche Eigenschaften umschreiben. Eigentlich sind wir Menschen doch zunehmend (zu sehr) sensibilisiert, wie unsere Sprache zu gebrauchen ist.

Vielleicht müsste es heissen, und das hasse ich noch sehr viel mehr: „Wir Frauen stehen dazu, dass wir Opfer einer Vergewaltigung waren“.

Opfer sein bedeutet Schwäche. Stigmata. Manch eine/r wird doch denken, die hat sich nicht genügend gewehrt.
Wie man es dreht und wendet, die Sprache ist gegen uns Frauen. Und wir Frauen selber benützen eine Sprache, die beschreiben und nicht stigmatisieren sollte.

Liebe Barbara Marti, es wäre der Sache mehr geholfen, wenn Sie als Journalistin sich der Macht Ihrer Worte bewusst wären. Frauen müssen sich nicht zu Taten bekennen, die man ihnen angetan hat.

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